Incredible India

Ich habe den letzten Tagen hier wieder viel erlebt. Natürlich wird mein Alltag jetzt stark durch meine Arbeit an der Schule bestimmt. Wir stecken hier nämlich gerade mitten in den Examen und deshalb haben alle Lehrer momentan sehr viel zu tun. Über die Schule werde ich aber später noch schreiben, wenn meine Erlebnisse im sonstigen Alltag zur Gewohnheit werden und an Spannung verlieren. 

Denn noch ist alles aufregend. Die erste richtige Fahrradtour durch meine neue Heimatstadt und das Umfeld war auch mein erster Kontakt mit der wunderschönen Natur Indiens. Zwischen den Reisfeldern findet man nicht die Müllberge, die man in Städten sieht und deren Geruch auch immer präsent ist. Dafür ist die Luft auf dem Land besonders nach einem warmen Monsunregen erfrischend sauber und sehr angenehm.

Ich bin jetzt auch schon das erste Mal alleine Bus gefahren, um meine Freunde in Jeypore zu besuchen. Ich wurde die ganze Fahrt lang neugierig beäugt. Denn natürlich bin ich immer noch ein Event, wenn ich auf die Straße gehe. So finde ich bei einem kurzen Marktbesuch schneller Follower als auf meinem Blog.

Auch ziemlich besonders war mein erstes Fußballspiel hier. Die Kirchenjugend sollte gegen die Auswahl der einer Spezialpolizei spielen, die hier in der Gegend terroristische Maoisten bekämpft. Deshalb wurde der Fußballplatz auch von bewaffneten Polizisten bewacht. Sicher ist sicher. Auch wenn man kaum etwas von den vereinzelten Maoisten mitbekommt, scheint es, dass sie langsam Ihre eigentlich politischen Ziele aus den Augen verlieren. Anstatt Jagd auf korrupte Wirtschaftseliten zu machen, die hier in der Gegend einige große Häuser mit ihrem nicht ganz sauber verdienten Geld gebaut haben, geraten eher Polizisten oder angebliche Polizeiinformanten in ihr Visier. Ich bin hier aber auf jeden Fall sicher und in guten Händen. Wenn wir hier auf der Straße zu dritt unterwegs sind, werde ich wie ein kleines Kind immer noch in die Mitte genommen und wenn ich auf einem Motorrad mitfahre, wird sogar auf das zum Fahren sonst parallel ablaufende Schreiben und Telefonieren mit dem Handy verzichtet. Mein Fußballspiel verloren wir gegen die Spezialpolizisten übrigens mit 2:1.

Während mein Heimverein, die SG Unterstedt, es verstand sich besser zu schlagen und ein 12:0 auf den Platz zauberte (irre!), saß ich gerade hinten auf einem Motorrad und habe mir auf dem Rückweg vom Fußball die indische Abendluft durch meine jetzt kurzen Haare wehen lassen. Dafür, dass mein Friseur auf Betelnuss, einer hier recht verbreiteten Droge, war, ist die Frisur sogar ganz gut geworden. Für 40 Rupien (umgerechnet nicht einmal ein Euro) für einen Haarschnitt kann man sich aber auch nicht beschweren. Dass wir in Deutschland 20€, also mehr als 1.000 Rupien für den Friseur ausgeben, trifft bei meinen indischen Freunden auf breites Unverständnis. Allein dadurch, dass unsere Friseure nicht unter Drogeneinfluss stehen, lässt sich dieser Preis wohl auch kaum rechtfertigen. Außerdem habe ich für mein Geld in Deutschland noch nie spontan ein Kopfmassage bekommen, während mein Friseur mit leerem Blick, aber höchst entspannt und zufrieden in den Spiegel blickte…

All diese für mich neuen und unglaublichen Momente, werfen bei mir natürlich immer wieder viele Fragen auf: „Warum hat der da eine Maschinenpistole in der Hand?“, „Was kaut mein Friseur da gerade?“ und „Wie kann man mit vier Leuten auf einem Motorrad noch so elegant den Kühen auf der Straße ausweichen?“ Meine Freunde beantworten alle Fragen mit den immer gleichen Worten: „Incredible India!“

   

 

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