Naturromantik und Armut

  
Während ich das hier schreibe, befinden sich gerade vier verschiedene Echsen an der Decke meines Zimmers. Und als ich die Fotos von Gandhis Geburtstag hochgeladen habe, ist mir eine der Mäuse über den Fuß gelaufen, die man sonst immer in der Küche anfindet. Dazu kommen die ganzen Mücken, Kakerlaken und anderen kleinen Krabbeltierchen. In den Straßen muss man außerdem immer achtsam den ganzen Kühen und ihren Hinterlassenschaften ausweichen. Und überall laufen übel riechende Hunde lang, deren Fell von den Narben ihrer Krätze gezeichnet ist.
Bei all den Nachteilen ist es aber unfassbar schön, so unglaublich nah an der Natur zu sein. Der Jagd der Eidechsen unter meiner Zimmerlampe nach kleinen Insekten zu folgen, ist so interessant und spannend, dass ich beim Schreiben von diesem Blogeintrag kurz pausiere, um mir dieses Naturschauspiel anzusehen. Und ich werde morgens immer von einem Chor von Vögeln geweckt. Dazu glitzern die Netze der großes Spinnen in dem Morgennebel der ersten etwas kälteren Nächte. Und eine Banane oder Guave frisch vom Baum schmeckt halt auch um einiges besser als das Obst aus dem EDEKA…

Während in Deutschland die Natur durch die Menschen beherrscht wird, beherrscht die Natur in Indien noch häufig uns Menschen. Aufgrund schlechter Infrastruktur kann ein starker Monsunregen alle Straßen unbefahrbar machen und ganze Teile Indiens lahmlegen. Die Regen- und besonders die Trockenzeiten bestimmen hier auch noch die nächsten Ernten der Bauern, die hier ohne Pestizide oder Dünger noch ganz anders mit der Natur zu kämpfen haben. In den Wäldern in der Nähe leben immer noch Stämme ohne Strom und Facebook ganz nah mit der Natur zusammen. Sie beten sogar zu ihren Naturgöttern, die sich beispielsweise in Bäumen materialisieren.

Während ich hier in meinem aus Stein gebauten und verhältnismäßig fast schon luxuriösen Haus das enge Verhältnis von Mensch und Natur in Indien nur erahnen kann, betrifft es die einfachen Leute natürlich viel mehr. Und man liegt nicht falsch, wenn man behauptet, dass viele Menschen hier mit ihren einfachsten Bedingungen ziemlich zufrieden sind. Es ergibt sich eine gewisse Naturromantik in dieser Einfachheit, in der hier viele Bauern leben. Diese Reinheit und Schönheit der Natur kann der Ursprung von so viel Faszination, Inspiration und Energie sein. Und das alles ohne Strom, ohne teure Smartphones und ohne Instagram. Sollte dieses einfache und unverdorbeneLeben nicht für uns alle erstrebenswert sein? Brauchen wir unseren ganzen Luxus überhaupt? Denn der einfache Bauer, der vor seiner einfachen Lehmhütte, sitzt scheint doch sehr glücklich zu sein…

Leider ist der Bauer aber nur so lange glücklich, wie ihm die Natur wohl gesonnen ist. Durch leichte Veränderungen in der Natur kann nämlich ganz schnell aus der naturromantischen Armut eine lebensbedrohende Armut werden. Fällt nicht genug Regen, bleibt die Ernte und die Lebensgrundlage aus. Zerstört ein Zyklon plötzlich das Haus des Bauern oder spült ein starker Monsun das Haus weg, sind er und seine Familie obdachlos. Wird ein Familienmitglied in der kalten Jahreszeit krank, kann das schnell den Tod bedeuten. Denn die armen Menschen hier haben keine Ersparnisse oder Versicherungen. Verdient man an einem Tag 200 Rupien, gibt es viel und gutes Essen. Verdient man nichts, bleiben die Bäuche leer. Und Geld, um auf plötzliche Veränderungen zu reagieren, ist deshalb auch nicht da. Man ist den Launen der Natur also existenziell ausgeliefert. Außerdem mindert die mentale Begrenzung, die Bindung an starre Traditionen und der Mangel an hygienischem Bewusstsein die Lebensqualität der armen Menschen sehr stark…

Armut in dieser Form kann also kein romantisches Lebensideal oder erstrebenswert sein. Denn es liegt ein bedeutender Unterschied zwischen dem freiwillig gewählten Leben in Einfachheit, das wir zum Teil als erstrebenswert betrachten, und der lebensbedrohlichen Armut, in der Menschen hier geboren werden. Indien verändert sich jedoch derzeit rasant. Besonders durch flächendeckende Bildung schaffen es hier immer mehr Leute ihr Leben abzusichern und vielleicht sogar Wohlstand anzuhäufen, um unabhängiger von der Natur zu werden. Diese Veränderung ist enorm wichtig und am Ende sichert dieser Fortschritt die Existenz vieler Menschen.

Mit dem Wissen durch Bildung kommt aber auch das Bewusstsein über die eigene missliche Lage. Deshalb sollte man auch nicht annehmen, dass Bildung und wachsender Wohlstand glücklich macht. Bildung und Fortschritt bleibt zur Bekämpfung der lebensbedrohlichen Armut aber trotzdem unabdingbar.

Und auch wenn wir in Deutschland durch Bildung und das umfassende Sozialsystem die unmittelbar lebensbedrohlichen Armut überwunden zu haben scheinen, heißt das nicht, dass wir nicht auch noch was aus der Einfachheit lernen können, die hier in Indien sehr präsent ist. Und wieviel Faszination im Kontakt mit der unmittelbaren Natur steckt, habe ich nicht nur erlebt, als ich zum ersten Mal wilde Affen mit der Hand gefüttert habe oder beim Anblick der atemberaubenden Landschaften hier in Indien, sondern auch, wenn ich hier gerade die Eidechsen in meinem Zimmer bei der Insektenjagd beobachte.

Zum Abschluss noch ein Foto von total niedlichen Welpen.

  

Advertisements
Kategorien: Allgemein | Ein Kommentar

Beitragsnavigation

Ein Gedanke zu „Naturromantik und Armut

  1. Jörg Tohoff

    Ein wirklich eindrucksvoller Bericht.
    Liebe Grüße
    Papa

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: