Spielstark und Abschlussschwach

   

 
Ich komme gerade frisch geduscht aus meinen Zimmer. Draußen steht die Hälfte meiner Mannschaft mit unserem Pokal für den zweiten Platz. Alle wollen nochmal ein Erinnerungsfoto machen. Ich habe meinen neuen Trainingsanzug an. Er ist in XXL nach asiatischem Maß und passt ziemlich gut. Ich posiere für bestimmt 50-60 Fotos und darf viele Hände schütteln.

Eine Stunde früher:

Ich humple schwerfällig zur Bühne. Ich wurde soeben zum besten Spieler des Turniers gewählt und bekomme meinen Preis überreicht. Für das Foto kann ich mich kaum zu einem Lächeln zwingen. Aber ich bedanke mich kurz bei den Organisatoren des Turniers und darf auf dem Weg von der Bühne wieder viele Hände schütteln.

Zwanzig Minuten früher:

Während ich enttäuscht und leicht genervt auf dem Boden sitze, kommt der Teamkapitän zu mir und überreicht mir ein Päckchen in schrillem Geschenkpapier. Er bedankt sich im Namen der Mannschaft dafür, dass ich für ihr Team gespielt habe. Ich öffne das Päckchen vorsichtig und packe einen nagelneuen Trainingsanzug aus. Ich fühle mich geehrt und bedanke mich bei jedem Mitspieler einzeln mit einem Handschlag für das tolle Geschenk.

Zwei Minuten früher:

Ich sitze am Rand des staubigen Fußballplatzes und bin schlecht gelaunt. Wir haben gerade das Finale nach einem 0:0 im Elfmeterschießen verloren. Ich ziehe mir missmutig die Schuhe aus. Ich habe wieder durchgespielt und mein Fuß tut jetzt noch viel stärker weh als vorher. Mich umringen unzählige Menschen. Es gibt keine Kabinen. Ich muss mich zwischen den ganzen Leuten hier umziehen. Ich will einfach nur weg und habe auch einfach keinen Bock mehr, die ganzen Hände der ganzen Leute hier zu schütteln.

Dreißig Minuten früher:

Es steht immer noch 0:0. Einwurf für uns. Der Ball kommt zu mir, verspringt auf dem staubigen Untergrund und rutscht mir durch die Beine. Ein Gegner schnappt sich den Ball, während ein Raunen durch die Menge geht. Ich setzte zum Sprint an und versuche den Schmerz in meinem rechten Fuß einfach auszublenden. Nach zwanzig Metern habe ich den Gegner eingeholt und kann ihn in einem harten Zweikampf vom Ball trennen. Ich setzte zum Dribbling an, gehe an einem Spieler vorbei überwinde zwei weitere mit einem Doppelpass und werde vom vierten Spieler zu Fall gebracht. Von der Menge gibt es Szenenapplaus für diesen Einsatz und das Dribbling. Während ich noch am Boden liege, reicht mir ein Mitspieler die Hand, um mir aufzuhelfen. Ich ergreife sie dankbar.

Vierzig Minuten früher:

Ich wollte gar nicht spielen. Mein Fuß schmerzt einfach zu stark. Mein Team hat mich aber dazu überredet, es wenigstens zu versuchen. Außerdem seien viele der über 2.000 Zuschauer auch hauptsächlich wegen mir gekommen. Sie wollen den Deutschen spielen sehen, den sie in der Zeitung gesehen haben. Zu Musik laufen beide Mannschaften auf den Platz ein. Es ist Finale und eine Kuh läuft über den Platz. Die Teams stellen sich auf beiden Seiten der Schiedsrichter auf und winken in die Menge. Es liegt ein Hauch von internationalem Spitzenfußball in der Luft. Passend dazu haben die vier Offiziellen ein FIFA-Abzeichen auf dem Arm und unser Gegner spielt in gefälschten Trikots von Bayern München mit „Liga Total“-Werbung auf der Brust. Vor dem Anpfiff gegen wir uns noch alle gegenseitig die Hand und wünschen uns alle ein gutes und faires Spiel.

Einen Tag früher:

Ich sitze immer noch leicht schuldbewusst an der Mittellinie und schaue unserem Mitspieler dabei zu, wie er zum entscheidenen Elfmeter antritt. Nach einigen Treffern aber auch vielen verschossenen Elfmetern können wir ins Finale einziehen, wenn der nächste Ball drin ist. Als der Ball im Netz zappelt, springen wir alle auf und laufen zu unserem heldenhaften Schützen. Wir sind im Finale! Dazu flutet eine Menge aus Zuschauern das Spielfeld. Und, wie könnte es anders sein, muss ich wieder viele Hände schütteln und für ein paar Fotos posieren.

Fünf Minuten früher:

Es ist Halbfinale. Die offizielle Spielzeit ist vorüber. Es steht 0:0. Ich bin wegen meiner Fersenverletzung am rechten Fuß das ganze Spiel nur auf dem vorderen Teil meines Fußes gelaufen. Jetzt habe ich eine dicke Blase unter meinem großen Zeh und meine Bänder schmerzen. Morgen kann ich garantiert nicht spielen. Trotzdem schnappe ich mir den Ball für den ersten Elfmeter, solange das Adrenalin noch den Schmerz hemmt. Der Weg von der Mittellinie zum Elfmeterpunkt kann unglaublich weit sein. Alle Blicke der rund 1.000 Zuschauer liegen auf mir. Viele rufen meinen Namen. Ich lege den Ball hin. Kurzer Anlauf. Flacher Schuss nach links. Der Torwart taucht ab. Er erreicht den Ball mit den Fingerspitzen und kann den Ball tatsächlich abwehren. Ich vergrabe mein Gesicht in den Händen, die heute schon wieder so viele andere Hände geschüttelt haben und höre das Stöhnen der Menge. Und der Weg vom Elfmeterpunkt zur Mittellinie fühlt sich jetzt noch viel länger an als der Hinweg.

Fünfzig Minuten vorher:

Auch wenn ich zu viel gegessen habe und mein rechter Fuß noch von gestern schmerzt, komme ich überraschend gut ins Spiel. Die meisten gefährlichen Aktionen für mein Team gehen von mir aus und werden dann auch häufig durch meine Abschlüsse vollendet, die aber alle relativ harmlos und unplatziert sind. Ich bin also ähnlich spielstark und abschlussschwach wie schon in Deutschland. Es gibt zwar Applaus von den Zuschauern, aber es springt nichts zählbares heraus. In der Halbzeit wird wie vor und nach dem Spiel wieder gebetet, da wir ein christliches Team sind und danach stellen wir uns alle im Kreis auf und legen unsere Hände übereinander, hoffen auf ein Tor für uns in der zweiten Halbzeit und rufen auf Oriya „Mit der Hilfe von Jesus!“, während wir unsere Hände heben.

Zwei Stunden früher:

Jemand hält mir fröhlich eine Zeitung unter die Nase. Nach unserem Spiel gestern ist ein Teamfoto von uns in der Zeitung. Ich bin namentlich genannt und muss grinsen, während ich auf der Verlobungsfeier unseres Torwarts am Buffet stehe. Er hat mich nach unserem Spiel gestern spontan eingeladen. Er spielt übrigens für die Fußballauswahl der Polizei von ganz Orissa und ist sehr gut trainiert und auch seine zukünftige Frau sieht top aus. Es ist eine der hier eher selteneren Liebeshochzeiten. Und nicht nur bei seiner Partnerin, sondern auch beim Koch für die Feier hat unser Torwart Geschmack bewiesen. Denn es schmeckt super! Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu viel esse und beim Spiel noch laufen kann. Aber solange ich esse, kann mir niemand die Hand schütteln. Deshalb vergrabe ich meine rechte Hand schnell im leckeren Essen.

Einen Tag früher:

Plötzlich ist es unfassbar laut. Alle klatschen, rufen und jubeln. Meine Mitspieler kommen auf mich zugelaufen und grinsen. Ich mache einen albernen Torjubel. Denn ich habe gerade zum 6:0 für unser Team getroffen und kann nach drei Torvorlagen jetzt endlich auch einen eigenen Treffer verbuchen. Wir klatschen uns alle gegenseitig ab und traben zurück in unsere Hälfte. Ich spüre einen leichten Schmerz in meiner rechten Ferse. Wird aber wohl nicht so schlimm sein. Kurz danach pfeift der Schiedsrichter das Spiel ab. Und bevor ich den Platz überhaupt verlassen kann, bin ich von Menschen umringt. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Eltern wollen Fotos von mir mit ihren Kindern machen, ich soll sogar Autogramme schreiben und natürlich darf ich viele Hände schütteln. Und auch wenn ich leicht überfordert bin, genieße ich dem Moment.

Zwei Stunden früher:

Wir sind zum Essen eingeladen und natürlich geht alles wieder viel später los als geplant. Ich kann meine Füße unter dem Tisch nicht mehr still halten. In vierzig Minuten soll mein erstes richtiges Fußballspiel seit langer Zeit starten und ich sitze hier in irgendeinem Restaurant und warte aufs Essen. Ich kann nicht länger warten, lasse das Essen ausfallen, verabschiede mich kurz und los zum Fußball. Ein Freund fährt mich auf einem Motorrad zum Gästehaus, damit ich noch kurz meine Schuhe holen kann. Wir weichen knapp einem Geisterfahrer aus, aber es scheint hier niemanden zu interessieren. Wir erreichen unser Zimmer und es fällt mir auf, dass ich unseren Schlüssel im Restaurant vergessen habe. Wenn wir jetzt für den Schlüssel zurückfahren, verpasse ich den Anstoß. Zum Glück sind alle Häuserschlösser hier in Indien nur von außen angeschraubt und ich habe mich schon häufiger gefragt, wie einbruchssicher das ist. Mit einem Messet aus der Küche drehe ich die ersten Schrauben aus dem Türschloss. Eine Minute später stehe ich in unserem Zimmer und schnappe meine Schuhe. Kurz danach werden mir auf dem Fußballplatz der Teamkapitän und der Trainer vorgestellt. Ich schüttle ihnen die Hand.

Drei Tage früher:

„Lukas, am Montag findet hier in Jeypore ein Turnier statt. Du musst unbedingt für unser Kirchenteam spielen! Hast du Zeit?“, fragt mich ein Freund auf Englisch, während ich meine Herbstferien in Jeypore bei Freunden verbringe. Natürlich will ich spielen und ich schlage als Versprechen in seine Hand ein. Es war der erste Handschlag von vielen in dieser Geschichte, aber der letzte in diesem Blogeintrag. 

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