Erster Quartalsbericht

Heute vor drei Monaten bin ich in Indien gelandet. Und ich bin vertraglich dazu verpflichtet, alle drei Monate einen Quartalsbericht zu schreiben. Und das ist jetzt und hier ist er. 

Dazu noch viele Grüße von mir und meinen entspannten Strandkollegen, die sogar noch ein bisschen weniger beharrt sind als die größten Teils russischen Urlauber, die sich hier in Goa ihre blassen Bierbäuche bräunen.

  
Vor einem Jahr war ich noch ein angehender Abiturient ohne richtigen Bartwuchs, dem seine Mutter die Pausenbrote geschmiert hat. Jetzt habe ich zwar immer noch keinen richtigen Bartwuchs, aber plötzlich werde ich „Lukas Sir“ genannt und habe die Schulbank gegen das Lehrerpult eingetauscht. Und so stehe ich an sechs Tagen in der Woche vor meinen Viert- bis Achtklässlern und unterrichte Geschichte, Geografie, Mathe, Sozialwissenschaften und Physik an der Englisch-Mediumschool in Nabarangpur.

Der Unterricht macht häufig Spaß, kann aber auch sehr anstrengend und fordernd sein. Besonders die zum Teil hohe Lautstärke in den Klassen und Pausen und die schonungslos hohen Temperaturen machen einen erholsamen Mittagsschlaf nach der Schule fast unabdingbar. Aber anders als in meiner eigenen Schulzeit, muss ich jetzt am Abend auch sehr sorgfältig meine Hausaufgaben erledigen. Auch wenn in Indien die Improvisation Volkssport zu sein scheint, möchte ich nicht unvorbereitet vor meine Schüler treten müssen. Die Unterrichtsvorbereitung gestaltete sich jedoch anfangs sehr kompliziert, da es keine abgestimmten Stundenpläne gab und die Pläne der Schüler von denen der Lehrer abwichen. Obwohl ich mich gerne und mutig neuen Herausforderungen stelle, war mir schnell klar, dass ich mich nicht vor die Wort wörtliche Zerreißprobe stellen wollte, in zwei Klassen gleichzeitig zu sein.

Deshalb habe ich mich angeboten, Stundenpläne für die ganze Schule zu erstellen. Die knapp zwanzig Stunden meiner Freizeit, die dafür drauf gingen, haben sich aber auf jeden Fall gelohnt. Keine Klassen bleiben mehr leer und kein Lehrer wird mehr in zwei Klassen gleichzeitig verlangt. Und jetzt setzte ich mich jeden Abend noch einmal an meinen kleinen Schreibtisch in meinem bescheidenen Zimmer und bereite den Unterricht für den nächsten Tag vor. Wenn ich dabei dann zum Beispiel in für mich komplett neue Abschnitte der indischen Geschichte eintauche, lerne ich manchmal sogar mehr als meine Schüler. Ich wusste zum Beispiel vorher nicht, dass eine indische Frau beim Tod ihres Ehemannes vor 300 Jahren noch zusammen mit seinem Leichnam bei lebendigem Leib verbrannt wurde oder dass der Ziegelstein in der noch heute verwendeten und scheinbar optimalen Form in Indien erfunden wurde.

Mein freiwilliger Lerndienst macht aber auch außerhalb der Schule seinem Namen alle Ehre. Ich erlebe unglaublich viele neue Dinge. Direkt nach meiner Ankunft traf mich der Kulturschock zum Beispiel mit voller Wucht. Kaum aus dem Flughafen raus, lief ich gegen eine Wand aus heißer Luft und hoher Luftfeuchtigkeit. Auf der anschließenden Autofahrt fing der Wahnsinn dann für mich erst an. Auf den Straßen der Großstadt Vishakhapatnam roch es nach Fäkalien, Benzin, verdorbenem Essen, aber auch frischem Obst und gewürzreichem Essen. Doch nicht nur mein Riechnerv war stark überfordert. Denn anscheinend ist jeder Inder per Gesetz dazu verpflichtet im Straßenverkehr alle zehn Sekunden mindestens einmal auf die Hupe zu drücken, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen und den Geräuschpegel stetig auf einem Kopfschmerzen bereitenden Level zu halten. Dazu sahen meine Augen große Häuser, primitive Hütten, gehetzte Straßenhunde, ruhige Kühe und einen unglaublichen Straßenverkehr. Auf den ersten Blick konnte ich sogar kaum den indischen Linksverkehr identifizieren. So oft rauschten wir rechts auf der Überholspur unserem Gegenverkehr entgegen. Andere Autos und Kühe verpassten wir auf der Straße oft nur um wenige Zentimeter. Zum Glück waren wir in den Händen unserer indischen Verantwortlichen, die durch ihre Ruhe den Eindruck erweckten als wäre dieser Wahnsinn für sie alltäglich.

Gerade mal drei Monate später ist der Wahnsinn jetzt auch für mich alltäglich und auch kein Wahnsinn mehr, sondern ein komplexes System, das nach seinen ganz eigenen Regeln abläuft und funktioniert. Und ich bin Teil dieses Systems geworden. Nachdem ich anfangs naiver Weise noch auf die Minute genau zu Verabredungen und Treffen gekommen bin, weiß ich jetzt schon längst, dass 7:00Uhr nicht 7:00Uhr, sondern 7:30-8:50Uhr bedeutet. Auch wenn die von uns Deutschen ja so geliebte Effektivität darunter leidet, lebt man im indischen Zeitsystem viel stressfreier und dadurch auch gesünder.

Und wenn das indische Essen nicht durch riesige Mengen Öl verfeinert wäre, könnte man es auch als sehr gesund bezeichnen. Denn es gibt viel Obst und Gemüse. Und mir gefällt das indische Essen auch ziemlich gut, auch wenn es sich häufig mit einem Wort beschreiben lässt: Reis.

Meine größte Sorge war vor Indien immer, dass ich mich zum Teil einsam fühlen könnte, da ich ja alleine an meiner Einsatzstelle bin. Aber hier neue Freunde zu finden, ist wirklich kein Kunststück. Bei einem normalen Marktbesuch finde ich beispielsweise schneller „Follower“ als auf meinem Blog. Und spätestens nachdem ich bei einem überregionalen Fußballturnier zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde und in der Zeitung war, höre ich immer wieder, dass mich Menschen, die ich noch nie vorher gesehen habe, mit meinem Namen grüßen. Und aus meinem Mittagsschlaf werde ich auch schon häufig viel zu früh gerissen, weil einige meiner Schüler mit mir Fußball spielen wollen und an meine Zimmertür klopfen. Die Schwierigkeit besteht deshalb hauptsächlich darin, auch einmal ein paar ruhige Minuten für sich alleine zu haben.

Aber für Fußball bin ich natürlich immer zu haben und mehrmals in der Woche spiele ich am Nachmittag mit 20-30 Schülern und anderen Kindern aus der Nachbarschaft Fußball. Als Tore haben wir einfach immer Steine in einem bestimmten Abstand voneinander als Pfosten hingelegt. Aber als sich zum ersten Mal ein Knie an einen unserer Pfosten blutig schlug, wollte ich ganz nach Obama „change“. Deshalb habe ich beim Office des Krankenhauses, zu dem die Schule gehört, gefragt, ob ich mir ein paar Bambusstangen aus Bauresten nehmen könne, um richtige Fußballtore neben die Schule zu bauen. Die Verantwortlichen waren von der Idee und meinem Engagement, Tore zu bauen, so begeistert, dass sie uns Tore aus Metallrohren anstatt aus Bambus bauten. Und nachdem wir einen Nachmittag lang das hohe Gras auf dem Platz mangels Rasenmäher mit den Händen rausgerissen und den ganzen Müll einmal weggesammelt haben, haben wir jetzt einen richtig tollen Fußballplatz neben der Schule.

Neben meiner Arbeit war ich auch schon auf einer „Gender“-Konferenz, einer Jugendkonferenz und auf einer Konferenz zum Thema Frieden. Ich habe heilige Kühe gestreichelt, wilde Affen mit der Hand gefüttert, indischen Volleyball, Cricket und Badminton gespielt, einen Hahn zum Geburtstag geschenkt bekommen, einen Elefanten gesehen, viele Fotos gemacht, sogar Autogramme gegeben, für 30 Freunde deutsch gekocht, Müll gesammelt und mit Kindern in der Sonntagsschule Macarena getanzt. Kurz um habe ich viel erlebt und eine unglaubliche Zeit in Indien genossen. So kann es weiter gehen…

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Kategorien: Allgemein | Ein Kommentar

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Ein Gedanke zu „Erster Quartalsbericht

  1. Kerstin Quensell-Kettenburg

    Moin Lukas, im Gegensatz zu dir bin ich gerade ziemlich durchgefroren, weil ich gerade ein Punktspiel deiner SGU im Schneetreiben gesehen habe. Wenn ich allerdings deinen „Indien Blog“ lese, ist die Kälte gleich vergessen! Es ist schön von dir und deinen Eindrücken zu hören und es macht einfach Spass deinem Blog zu folgen, du hast einen tollen, fesselnden Schreibstil…. Danke! Ich freue mich schon auf den nächsten „Bericht“, ganz liebe Grüße aus dem verschneiten Unterstedt – Kerstin Quensell-Kettenburg

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