Verry Merry New Year!

Dass dieses Weihnachten ganz anders werden würde, sah ich schon, als ich in Jeypore ankam, wo ich dieses Jahr die Feiertage verbracht habe. In Sachen Weihnachtsdekoration war man offensichtlich von der Motivation getrieben, so viel Schmuck, Licht und Sterne wie man nur kaufen konnte in so vielen Farben wie möglich aufzuhängen. Auf den ersten Blick eine sehr eindrucksvolle Geschmacksverirrung. Und auf den zweiten Blick auch. Von außen erstrahlte die ganze Kirche erstrahlte heller und bunter als ein durchschnittlicher deutscher Freimarkt. Aber auf den dritten Blick musste ich dann halt auch zugeben, dass diese ganze Dekoration schon irgendwie seinen Charme hatte. Ich war halt in Indien.
Am 22.12. hatten sich insgesamt acht deutsche Freiwillige in Jeypore unter unserem Baum eingefunden, um zusammen Weihnachten zu feiern. Aufgrund des Weihnachtsbaummangels in Indien hatten wir uns am Vormittag schnell aus Klebeband, einem Stock und Ästen einen eigenen Weihnachtsbaum improvisiert. Ähnlich wie die Dekoration der Kirche war der Baum nicht schön, aber er hatte seinen Charme. Dann wurde lecker gekocht, gut gegessen und reich beschenkt. Ein rundum schöner Abend.
Zwei Tage später kam dann der Heiligabend. Die meisten Freiwilligen feierten in ihren Organisationen und wir waren nur noch zu dritt in Jeypore übrig geblieben. Der Gottesdienst dauerte ein bisschen länger als drei Stunden. Und in Anbetracht des Umstandes, dass ich immer noch nichts in der Kirche verstehe, waren es nicht die aufregendsten drei Stunden in den letzten Tagen. Einzig die Weihnachtslieder schafften es immer wieder mich aus der Trance der Langeweile zu reißen. Es waren die gleichen Lieder, die wir auch in Deutschland singen, bloß auf indisch. Und dass alle auf Oriya sangen war mir egal und ich sang einfach laut auf Deutsch mit. 
An diesem Abend waren wir dann noch zum Essen bei der Familie einer Pastorin eingeladen, die kurz vorher für drei Monate in Deutschland gewesen war. Für ihre beiden Nichten hatte sie zu Weihnachten deshalb eine Mappe mit vielen Buntstiften von Aldi mitgebracht. Und die Mädchen freuten sich total über dieses Geschenk. Im Gästehaus bereiteten wir drei uns dann noch Weihnachtspunsch zu und es gab noch eine Bescherung. 
Der erste Weihnachtstag überraschte dann auf beeindruckende Art und Weise. Die christliche Gemeinde hatte nämlich seine hinduistischen und muslimischen Freunde in die Kirche eingeladen, um gemeinsam zu feiern. Ein schönes Bild kulturellerer Aufgeschlossenheit und Interreligiöser Freundschaft. Die Ursprünge in dieser Tradition liegen in Aufruhen von ein paar fundamentalen Hindus, die vor etwas mehr als zehn Jahren mit dem Ziel die christliche Kirche zu zerstören durch Jeypore gewütet waren. Daraufhin setzten sich andere Hindus einfach in die Kirche und verhinderten so ihre Zerstörung. Nachdem die fundamentalen Hindus dann enttäuscht abgezogen waren, war eine neue Weihnachtstradition geboren. 
Zwischen Weinachten und Neujahr waren wir dann noch mehrere Male eingeladen und waren sogar auf einer Hochzeit. Außerdem gab es von Seiten der Kirche täglich ein Programm. Es gab Tanz- und Singwettbewerbe, aber am witzigsten war der kirchliche Spielenachmittag, an dem hauptsächlich erwachsene Leute Spiele wie Topfschlagen, Eierlaufen oder Reise nach Jerusalem spielten. Ich dachte zwar, dass mich nach vier Monaten Indien, nichts mehr so leicht überraschen kann. Aber dass indische Frauen sich kurz nach Weihnachten im Faden Einfädeln messen, um Töpfe zu gewinnen, hatte ich nicht erwartet. Doch diese Art der Spiele passte dann auch einfach zu dem buntesten Weihnachten, das ist je hatte.

  
Silvester war dann aber nicht so der Knaller. Den Start ins neue Jahr feiern die Christen in Nabarangpur nämlich in der Kirche. Statt Sekt und guter Laune gab es zu Mitternacht ein Gebet. Und die Stimmung lag irgendwo zwischen einer Kaffeefahrt auf der Donau und einem FDP-Parteitag. Bei einem verzweifelten Blick an die noch von Weihnachten bunt geschmückte Kirchendecke musste ich feststellen, dass die Girlande, die sich in einem Ventilator verfangen hatte und fröhlich im Kreis schwang, anscheinend mehr Spaß hatte als wir Kirchenbesucher. So hatte ich mir meinen Start in 2016 nicht vorgestellt. Aber auch der ernüchterndste Gottesdienst hat irgendwann einmal sein Ende. 
Dann sollte die Party starten. Überall in Nabarangpur waren kleine Straßenfeste organisiert und es wurde zusammen gegessen und getanzt. Und ein bisschen geknallt wurde auch. Und in Sachen Böllern wurden für mich ganz neue Maßstäbe gesetzt. Wobei ich mir bei dem Wort Böller nicht so sicher bin. Es waren vielleicht auch kleine Bomben. Denn diese zerstörungsgewaltigen „Böller“ zauberten kleine Krater in den harten Sandboden und zwangen sogar die größten Pyromanen dazu, sich die Ohren zuzuhalten. Das „Feuerwerk“ auf dem Straßenfest, zu dem ich mich gesellt hatte, war nach nur zwei Raketen, ungefähr fünf „Böllern“ und knapp zehn Minuten dann auch schon wieder vorbei. Ein bisschen ernüchtert stellte ich mich dann an ein Lagerfeuer und schaute den nicht mehr ganz so nüchternen Männern bei ihren verrückten Tänzen zu. Ein bisschen verwundert musste ich feststellen, dass auf dem ganzen Straßenfest nur drei Frauen waren. Eine saß am Rand der Tanzfläche und beobachtete wie ich die Tänzer. Eine andere bereitete Essen zu und die dritte Frau verteilte das Essen an die Männer. Feiern und Tanzen an Silvester scheint hier wohl hauptsächlich den Männern vorbehalten. Vielleicht haben die Frauen aber auch einfach gemerkt, dass die Silvesterpartys nicht so der Knaller sind und heben sich ihre Feierenergie dann lieber für andere Events auf. Und ich hatte auch keine große Lust mit den betrunkenen Mittvierzigern die Tanzfläche zu stürmen und ging dann um zwei Uhr so früh wie lange nicht mehr an Sylvester schon schlafen. 
Dieses Silvester in Indien zu sein war zwar eine interessante Erfahrung, aber nicht das fröhliche Fest, das ich mir erhofft hatte. Und auch wenn wir Deutschen in der Welt nicht gerade für unsere Feierlaune und Fröhlichkeit bekannt sind, können wir Silvester dann doch einfach besser! Ich freue mich schon auf nächstes Jahr!

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