A Ball To Say Goodbye

Es war schon dunkel, als es an meiner Tür klopfte. Draußen standen einige Schüler, mit denen ich häufig am Nachmittag Fußball gespielt hatte. Sie waren gekommen, um mir ein Abschiedsgeschenk zu bringen. Es war ein Ball. Aber kein normaler Ball. Die Jungs hatten mir aus drei kaputten Bällen einen heilen Ball zusammengenäht. Der Ball im „Patchwork“-Design ist zwar aerodynamisch nicht auf Championsleague Niveau, aber ein Unikat mit einem unschätzbarem individuellen Wert. Der Vater von Pikun, dem 14 jährigem Jungen, der immer Barfuß spielt, war früher nämlich einmal ein Ballnäher und hat dieses Handwerk auch seinem Sohn beigebracht. Seitdem sammelt Pikun kaputte Bälle, um daraus neue Bälle zu nähen. Und eines dieser Kunstwerke gehört jetzt mir. Ich war sprachlos! Diese Jungs sind einfach der Hammer und ich bin mir sicher, dass ich sie vermissen werde.
 Aber nach vier Monaten in Nabarangpur ist es für mich an der Zeit, meine Sachen zu packen und mich zu verabschieden. Die nächste Schule wartet auf mich und ich muss die Stadt verlassen, in der ich mich gerade erst richtig zuhause gefühlt habe. Der richtige Moment, um die letzten vier Monate einmal Revue passieren zu lassen.

Nachdem ich den Unterricht eine Woche lang beobachtet hatte, wurde ich in der zweiten Woche schon zu einem richtigen Lehrer. Streng nach der Kleiderordnung stand ich dann mit Schlips vor meinen Schülern. Meine Fächer waren Mathe, Geschichte, Geographie, Physik und Sozialkunde. Und es entwickelte sich relativ schnell ein routinierter Alltag. Die Schulwoche hatte sechs Tage und da Sonntag früh am Morgen immer Kirche war, konnte ich nur ausschlafen, wenn wieder einmal ein indischer Feiertag war. Aber den mehreren Millionen hinduistischen Göttern sei Dank kam das regelmäßig vor.

Aber auch neben dem Regelunterricht habe ich versucht, Spuren zu hinterlassen, die länger überdauern als meine Kreidestriche an der Tafel oder meine Fußabdrücke im staubigen Sandboden vor der Schule. Mein erstes großes Kleinprojekt war die Entwicklung von Stundenplänen für die 16 Lehrer und acht Klassen. Richtige Stundenpläne gab es vorher nämlich nie. Ab und zu blieben Klassen leer. Die Lehrer arbeiteten unterschiedlich viel. Und nicht alle Fächer wurden ausreichend unterrichtet. Aber nach der siebten Überarbeitung und vielen Stunden vor Excel stand dann endlich ein vernünftiger Stundenplan.

Ein kleines Großprojekt war auch der Fußballplatz, der jetzt neben der Schule in seinem staubigen Glanz erstrahlt. Als die Steine aus Bauschutt, die die Tore vorher begrenzten, zum ersten Mal ein blutiges Knie bescherten, setzte ich mich für richtige Tore ein. Aus alten Röhren wurden sie dann zusammengeschweißt und aufgestellt. Und seitdem wird fast jeden Tag gekickt, bis es dunkel wird oder der Arzt kommt.
 Wenn Examen anstanden, saß ich dann aber auch mal bis 21:00Uhr in der Schule, um dabei zu helfen, die Aufgabenblätter am Computer zu tippen. Denn nicht alle Lehrer beherrschen Computer und Tastatur. Und dann saßen wir oft zu dritt oder viert noch lange in der Schule und tippten in einem sehr angenehmen und lockeren Arbeitsklima vor uns hin. Und damit meine ich, dass ähnlich viel geschnackt wie gearbeitet wurde. „produktivität“ wird hier halt auch mal klein geschrieben.

Zu Weihnachten habe ich dann noch mit der siebten Klasse die Weihnachtsgeschichte als Theaterstück aufgeführt und im Lehrerchor ein Weihnachtslied auf Hindi gesungen. Wir hatten also ein rundum schönes Weihnachten, auch wenn Nabarangpur für ein paar Tage aufgrund der tausenden Lichterketten den Stromverbrauch einer durchschnittlichen Millionenstadt erreichte.
 Kurz bevor ich ein paar Tage nach Weihnachten, am 08.01.2016, Nabarangpur wieder verlassen musste, habe ich mit meinen Fünftklässlern dann noch etwas für unsere Umwelt getan. Beim Thema Umweltschutz im Sozialkundeunterricht haben wir nämlich eine „To-Do-Liste“ erstellt, mit den Dingen, die wir machen wollen, um auf einer etwas schöneren Erde zu leben. Neben dem Vorhaben kein Plastik in die Natur zu schmeißen und keinen der letzten 500 indischen Löwen zu töten stand auch die Idee, einen Baum zu pflanzen, auf der Liste. Aus der Idee wurde ein Versprechen. Und nach einiger Suche, viel Mühe und noch mehr verstrichener Zeit fand ich dann im örtlichen Forstamt (ja so etwas gibt es hier auch) eine Baumschule. Als ich von meinem Vorhaben berichtete, bekam ich kostenlos einen kleinen Baum geschenkt. Am nächsten Tag und meinem letzten Schultag wurde der Baum dann gepflanzt und ordentlich gewässert. Unter den Baum haben wir noch ein Glas mit einem Foto von den Schülern und mir (siehe oben) mit unseren Namen drauf eingebuddelt. Jetzt ist es wirklich unserer Baum und ich hoffe, dass die Schüler sich gut um ihn kümmern.

Mit einem „Auf Wiedersehen“ verließ ich am gleichen Tag die Schule dann vorerst ein letztes Mal. Es war schon seltsam, ein letztes Mal den Erstklässlern zu winken, sich ein letztes Mal durch das niedrige Schultor zu ducken und ein letztes Mal den Schulweg nach Hause zu gehen. Aber ich bin ja noch acht Monate in Indien und ich werde auf jeden Fall noch einmal zurück nach Nabarangpur kommen. Und dann werde neben der Schule mit den Jungs kicken, meine Freunde und Kollegen wiedersehen und gucken, wie es unserem Baum geht. Doch jetzt bin ich erst einmal in Doliambo und habe drei Monate Zeit, dieses Dorf genauso in mein Herz zu schließen wie Nabarangpur. Ich freue mich drauf!

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