Zweite Eindrücke aus Doliambo

In der Gegend um Doliambo herum ist es bergig und die Bananenbäume zwischen den Reisfeldern bieten einen wunderschönen Anblick. In den meisten Dörfern in der Gegend wohnen hauptsächlich die Adivasi genannten Ureinwohner. Die Adivasi sprechen ihre eigene Sprache. Ein Adivasi Kind wächst also mit der Stammessprache Khubi auf und lernt häufig erst in der Schule Oriya, die offizielle Amtssprache in Orissa. Aber da der Unterricht seit der ersten Klasse auf Oriya ist, haben viele Kinder von Anfang an Verständnisschwierigkeiten. Von der ersten Klasse an steht aber nicht nur Oriya auf dem Lehrplan, sondern auch Hindi und Englisch.

In den kleinen Grundschulen in weit abgeschieden Dörfern sollen die Kinder dann also ab der ersten Klasse in einer weitgehend fremden Sprache unterrichtet werden. Die Schulen gibt es. Lehrer auch. Bloß finden Schulen und Lehrer nicht immer zueinander. Sehr selten erscheinen die Lehrer mal in den Schulen. Häufig bleiben sie zuhause in den größeren Städten und kassieren ihr Lehrergehalt ohne zur Arbeit zu gehen. Denn niemand kontrolliert ihre Anwesenheit in den entlegenen Schulen. Und wenn doch, dann bekommt der Kontrolleur seinen Teil vom Kuchen ab und wird also mit ein paar Rupien gnädig gestimmt. Viele Schulen im ländlichen Bereich laufen also besten Falls sehr schlecht.

Bei der Schule in Doliambo handelt es sich eigentlich um drei Schulen. Eine Grundschule, eine Mittelstufen- und eine Oberstufenschule. In der Grundschule sitzen die Schüler auf dem Boden. Es gibt keine Tische oder Stühle. Trotzdem läuft die Grundschule gut und die fünf Lehrer unterrichten die fünf Klassen angemessen und zielführend. In der Mittelstufe treffen dann aber die relativ gut ausgebildeten Grundschüler aus Doliambo auf die Schüler aus den entlegenen Dörfern. Denn in diesen Dörfern wird nur die Grundschule angeboten.

Einige Sechsklässler können also schon ein paar Sätze Englisch und können schreiben und lesen. Andere schauen das Alphabet an, wie die lokalen Kühe ihre Bauern. Sie haben auf ihren Dörfern zum Teil nie Englischunterricht gehabt. Dazu kommt, dass sich die Regierung denkt, dass man nach fünf Jahren Englisch den Schülern schon etwas anspruchsvollere Texte und die ersten Gedichte zumuten kann. Dieser vorgegebene Lehrplan ist aber sogar für die Klassenbesten zu anspruchsvoll.

Am Ende stehe ich vor der spannenden Aufgabe, Anfängern und Unkundigen die englische Sprache auf einem Niveau für Fortgeschrittene beizubringen. Eine interessante Sache, wenn man bedenkt, dass ich noch nicht ausreichend Oriya spreche, um die Grammatik auf Oriya zu erklären. Dazu bin ich ja auch kein ausgebildeter Lehrer, sondern ein Junge aus Niedersachsen, der lediglich zwölf Jahre lang seine eigenen Lehrer beobachtet hat. Trotzdem klappt es eigentlich ganz gut und trotz aller Schwierigkeiten macht mir der Unterricht viel Spaß. Und obwohl ich jeden Morgen viel Energie mit in die Schule bringe, bin ich nach der Schule immer ziemlich geschafft. Denn fünf von sieben Schulstunden bin ich im Unterricht. Die erste Stunde hab ich frei, dann geht’s von der achten Klasse zur Grundschule und danach zur Neunten. Nach der einstündigen Mittagspause bin ich dann noch in der sechsten und siebten Klasse. Am Ende des langen und intensiven Schultages habe ich dann in der letzten Stunde wieder frei und bereite meine Stunden nach oder vor.

Die Energie die ich vielleicht zum Teil zu viel habe, vermisse ich häufig bei meinen Kollegen. Die Lehrer kommen fast immer zu spät, bereiten ihre Stunden kaum vor und es kommt auch mal vor, dass im Lehrerzimmer geschlafen wird. Das Seltsame daran ist aber, das die Schule personell total unterbesetzt ist. Man hätte also genug zu tun. Die Regierung in Orissa sieht für die Oberstufe beispielsweise acht Lehrer vor. Wir haben vier. Und eine Lehrerin ist die Schulleiterin, die neben dem Unterricht noch administrative Aufgaben hat. Und das bewältigt sie natürlich alles ohne Computer, da es ja keinen Strom in der Schule gibt.

Dass eine Schule mit der Hälfte der vorgesehenen Lehrer kaum laufen kann und dass die Lage noch aussichtsloser ist, wenn diese Lehrer die Entspannung dem Engagement vorziehen, ist klar. Deshalb hat die Kirche freiwillige Lehrer organisiert, die aus der Region kommen und die beruflichen Lehrer so weit es geht unterstützten. Doch im Endeffekt arbeiten diese jungen Freiwilligen viel mehr als die regulären Lehrer, während die Bezahlung von Ihnen wirklich ein Witz ist. Ein freiwilliger Lehrer, der hier Vollzeit and der Schule arbeitet, bekommt nämlich nur ein bisschen mehr als 20€. Und das nicht in der Stunde, auch nicht am Tag… Im Monat.

Es ist also eindeutig, dass die freiwilligen Lehrer keine Langzeitlösung sind. Ohne sie würde aber gar nichts funktionieren.

Für mich war auch erschreckend festzustellen, dass meine Schüler häufig auch erst die erste Generation ist, die zur Schule geht. Viele ihrer Eltern haben waren nie in der Schule, haben also nie Bildung genossen und können die Bedeutung von Bildung auch nicht wertschätzen. Kaum jemand kann den Kindern bei den einfachsten Sachen wie Lesen und Schreiben helfen und die kostenlose Schuluniformen und Bücher sind häufig der einzige Grund, die Kinder in die Schule zu schicken. Wenn man die Kinder aber auf den Feldern braucht, müssen sie den Tag also mit Reispflanzen statt Büchern verbringen.

Krass ist auch, dass es in jeder Klasse weniger Mädchen als Jungen gibt. Einige Eltern halten Bildung für Mädchen nämlich für unnötig. Sie bleiben zuhause und werden früh in ein Leben verheiratet, dass sich hauptsächlich um Kinder und Kochen dreht. Deshalb sehe ich in jeder Klasse fast doppelt so viele Jungen wie Mädchen.

Die Situation in der Schule bietet also eine große Herausforderung für alle. Und auch wenn es mir viel Kraft raubt, lerne ich selber hier unglaublich viel und bin hauptsächlich auch gerne Lehrer. Und wenn ich mal ein paar ruhige Minuten brauche kann ich mich einfach mal in die Reisfelder neben unserem Dorf setzen und ein Buch lesen oder den Schülern dabei zugucken, wie sie ihre Uniformen im Fluss waschen.

Einmal habe ich mal mein Handy mit zwischen die Reisfelder genommen, um ein paar Fotos zu machen. Aber hier zwischen den Reisfeldern ist mein Handy so fehl am Platz wie eine Kuh auf dem Ku’damm. Niemand im Dorf besitzt ein Auto und ich habe hier auch kein Internet. So wirkt mein Handy in dieser natürlichen Umgebung einfach nur fremd. Ich werde es beim nächsten mal nicht mitnehmen, da ich eh keinen Empfang habe. Doch ein Foto habe ich dann trotzdem noch gemacht.

 

 

Advertisements
Kategorien: Allgemein | 3 Kommentare

Beitragsnavigation

3 Gedanken zu „Zweite Eindrücke aus Doliambo

  1. Elisabeth Moolhuijsen

    Hallo Lukas und moin, moin aus Nordfriesland!
    Mit ganz viel Interesse deine Berichte gelesen. Dein Erzähl-Stil gefällt mir. Diese Erfahrungen kann dir keiner mehr nehmen. Was für eine Welt!
    Auf deine Blog-Seite bin ich gestoßen beim Googlen unter „Doliambo Indien“. Ich arbeite nämlich im Weltladen – Hattstedt mit Christine Gerlach, Tochter der 2011 verstorbenen Dorothea (Dorle) Gerlach, die Kontakte nach Doliambo hatte und mit dem Ertrag aus dem Weltladen das Basiskrankenhaus in Doliambo unterstützt hat. Seit ihrem Tod sind die Kontakte versiegt und die Frage wäre, ob es dieses Projekt noch gibt und wenn ja, wie es darum steht. Vielleicht hast du während deines Aufenthaltes in Orissa etwas in Erfahrung gebracht? Ich bin gespannt und werde mich über eine Antwort freuen.
    Dir alles Gute!
    Elisabeth

    Gefällt mir

    • Hallo,
      Das Krankenhaus steht leider leer und es sieht auch nicht so aus, als ob da bald wieder jemand behandelt werden würde…
      Es hat wohl schon vor einigen Jahren zugemacht. Vielleicht war es ja zu sehr abhängig von den Spenden. Es tut mir leid, das zu berichten. Ich würde auch lieber etwas Positives oder Lustiges schreiben…
      So gut Spenden auch sind, man schafft damit ja auch häufig eine Abhängigkeit und diese Abhängigkeit kann dann natürlich auch negative Folgen haben…
      Trotzdem verschicke ich liebe Grüße nach Nordfriesland!
      Lukas

      Gefällt mir

      • Elisabeth Moolhuijsen

        Hallo Lukas,
        schönen Dank für die schnelle Reaktion.
        Schade, dass das Projekt zum Stillstand gekommen ist. Nun kann ich aber was sagen, wenn Leute aus unserem Dorf danach fragen.
        Es war auch mal die Rede davon, dass vor Ort Gesundheitshelferinnen ausgebildet werden, um auf die Dörfer in der Jeypore-Gemeinde zu gehen und die Frauen in Sachen Gesundheit auf zu klären. Ist da was bekannt?
        Ich hoffe, du hast selber positive Erfahrungen in deinem Einsatz gemacht.
        Viele Grüße
        Elisabeth

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: