Drittklassig in den Urlaub

Mit dem Zug durch Indien zu reisen, ist ein echter Tipp für Sparfüchse. Besonders, wenn man es verpasst rechtzeitig zu buchen und auf die 3. Klasse ausweichen muss. Für unsere dreißig stündige Bahnfahrt 1.900km quer durch Indien haben wir umgerechnet weniger als sechs Euro bezahlt. In Deutschland bezahlt man für die 25min von Rotenburg nach Bremen ja schon mehr. Aber was sollte an dieser Klasse auch teuer sein. Der komfort wird kleingeschrieben und für Fahrkartenkontrolleure wird wohl auch kein Geld verschwendet. In dreißig Stunden Fahrzeit wollte nämlich niemand unsere Karten sehen. Doch es wird leider auch am Putzpersonal gespart, wie man schnell sehen und besonders riechen konnte. Eine Toilette war nämlich ab der vierten von dreißig Stunden verstopft und übergelaufen. Das braune Nass schwappte ab sofort in jeder Kurve in den Gang, wo sich eine Pfütze bildete.

Nach einem halben Jahr Indien hatte ich meinen Würgereiz aber so weit unter Kontrolle, dass weitere Pfützen vermieden werden konnten. Aber wohin hätte ich mich in Sachen Margen auch erleichtern können? Denn überall waren ja Menschen.

Hätte man in das Abteil so viele Passagiere wie vorgesehen gelassen, wäre es wohl schon eng geworden. Denn auf jeder Seite des Ganges sollten drei Inder sitzen. Ich schreibe an dieser Stelle ausdrücklich „Inder“. Denn auf den vorgesehen Platz für drei „Inder“ würde vielleicht ein halber Rainer Kallmund passen. Damit nerviges hin und her Gelaufe im Zug von vorne herein unterbunden wurde, hat man dann einfach doppelt so viele Menschen in das Abteil gelassen wie vorgesehen. Kuschelig.

Die fünf Meter zur Toilette dauerten dann schon seine paar Minütchen, sodass man immer vorausplanen musste. Besonders in der Nacht wurde das zu einer interessanten Aufgabe. Die zuvor stehenden Passagiere hatten sich im Gang nämlich hingelegt und belegten so 98,5% des Zugbodens. Die anderen 1,5% waren ja durch die Pfütze vor den Toiletten bedeckt. Es gab vielleicht alle zwei Meter mal eine Lücke zwischen Armen, Beinen, Köpfen und sonstigen Körperteilen in die man seinen Fuß hätte Stellen können. Ich habe zwar lange auf meine Blase eingeredet, dass es jetzt gerade unpassend sei, aber um halb vier nachts musste ich mich dann doch mal auf den Weg machen. Hauptsächlich bin ich dann über die Sitzlehnen geklettert und habe mich dabei an der Gepäckablage über den Sitzen festgehalten. So absurd es auch klingt, aber sogar in der Gepäckablage lagen neben Koffern auch ein paar Inder.

Das Zugerlebnis dritter Klasse war zwar ingesamt eine „interessante“ Erfahrung. Es verlangt mir aber nicht zwingend nach einer Wiederholung. Auch wenn die Freundlichkeit der Menschen neben, unter und über mir wirklich beeindruckend war. Hatte jemand etwas zu Essen mitgebracht, wurde es geteilt. Und es wurde auch mit jedem noch so Fremden geteilt, der Hunger hatte oder hungrig aussah und im vollgestopften Zug noch seine Arme bewegen konnte. Und während man durchs Fenster die wirklich schöne Natur bewundern konnte, probierte man sich im Zug einmal durch die ganze kulinarische Landschaft Indiens.

Als der Zug dann einmal für ein paar Minuten irgendwo im nirgendwo anhielt, weitete sich die Teilfreudigkeit dann auch auf unsere nahen tierischen Verwandten aus. Denn aus dem Wald kamen ein paar Affen gelaufen und wurden großzügig gefüttert.

   
Nach dreißig Stunden kamen wir dann im Wunderland Kerala an. In diesem südwestlichen indischen Staat am arabischen Ozean gibt es eine Alphabetisierung von 99%. Und die Stadt Ernaculam schockte uns nicht mit üblem Gestank und Armut, sondern mit Apple Stores, Pizza Hut und Reichtum. In einem Einkaufszentrum gab es in dieser verrückten Stadt sogar eine Eislaufbahn, was bei Temperaturen von durchschnittlich 30 Grad eine witzige Idee ist, auf die nur gelangweilte reiche Menschen mit zu viel Tagesfreizeit kommen können. Absurd. Im Land der krassen Gegensätze haben wir dann aber auch mal den Gegenpol zum einfachen Leben in Orissa gesehen. Als ich dann am Busbahnhof mit einem netten Mann ins Gespräch kam und er mich anstatt auf Hitler, dem sonst berühmtesten Deutschen, auf Günther Grass ansprach, fühlte ich mich dann so richtig im falschen Film. Abends im Kino hatten wir uns aber mit „The Hatefull Eight“ dann den richtigen Film ausgesucht.

 

 Kerala hat aber noch viel mehr zu bieten als Viertel mit gelangweilten Reichen. Und so haben wir in einem jainistischen Tempel Tauben gefüttert, waren in einem alten Palast, sind bei einer traditionellen Tanzveranstaltung kurz eingeschlafen und haben uns auf einer Bootstour durch das „Backwater“ Kochis richtig wie Touristen gefühlt, als viele bleiche Rentner eine Einheimische beim Herstellen von Seilen aus Kokosfasern fotografierten.

 Außerdem ging es für uns auch noch in die Teeplantagen nahe der Stadt Munnar, wo wir dann ein bisschen umhergewandert sind. Bei unserer 20km Wanderroute wurde es mir zwar zum Verhängnis, dass ich meine Socken vergessen hatte. Aber da ich aufgrund der stark beschränkten Beinfreiheit im Zug ohnehin schon fast sämtliches Gefühl in meinen Füßen verloren hatte, waren die Blasen nur halb so schlimm. Egal. Dafür waren das Panorama ganz schön unglaublich und unglaublich schön.

 Kurzum war es ein toller Urlaub. Und als ich mich danach wieder auf den Weg nach Orissa gemacht habe, hat es sich schon ein kleines bisschen so angefühlt, wie nach Hause zu fahren.

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Kategorien: Allgemein | Schlagwörter: | Ein Kommentar

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Ein Gedanke zu „Drittklassig in den Urlaub

  1. Markus

    Tolle Beschreibung Lukas, ich fühle mich sehr an meine Bahnreisen 1993 und 2012 erinnert. Manchmal gibt es übrigens eine Foreign Tourist Quota oder auch mit dem Tatkal-System lassen sich noch freie Plätze finden. Hat uns das letzte mal noch einige Schlafplätze im AC 2tier gesichert,

    Gefällt 1 Person

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