Quartalsbericht Nr.2

Vor einem Jahr war ich noch ein angehender Abiturient ohne richtigen Bartwuchs, dem seine Mutter die Wäsche gewaschen und gebügelt hat… Jetzt habe ich immer noch keinen richtigen Bartwuchs, aber ich wasche meine Wäsche jetzt selber mit der Hand, stehe an sechs Tagen in der Woche vor bis zu 70 Schülern pro Klasse und werde „Sir“ genannt.
Im Januar bin ich sicher und gesund in meiner neuen Wirkungsstätte in Doliambo angekommen. Hier arbeite ich jetzt an einer energiefreundlichen „Oriya-Medium-School“. Energiefreundlich heißt, dass es in der Schule keinen Strom gibt und „Oriya-Medium-School“ heißt, dass der Unterricht halt in der lokalen Sprache Oriya gehalten wird. Für mich bleibt da nur der Englischunterricht. Denn Englisch kann ich ja. Nur meine Schüler leider nicht. Das macht die Sache interessant. Aber dazu später mehr.
Am Anfang dieses zweiten Quartals war ich aber ja noch in Nabarangpur an einer „English-Medium-School“. Hier hatte ich mich im November schon als Lehrer für Geschichte, Erdkunde, Sozialwissenschaften, Physik und Mathe etabliert. Meine Klassen erstreckten sich von der vierten bis zur achten und alle konnten mich gut verstehen.
Neben dem Unterricht war ich auch sonst immer gerne und oft in der Schule. Und als die Vorbereitungen auf das Schulweihnachtsfest langsam losgingen, war ich in meiner alltäglichen und fast spießigen Tagesroutine ordentlich in Fahrt. Leider sollte ich Mitte Dezember und kurz vor Weihnachten schon wieder Nabarangpur verlassen und nach Doliambo kommen. Der Zeitpunkt lag offensichtlich ungünstig und zum Glück konnte ich mit allen Verantwortlichen meinen Aufenthalt noch um einen Monat verlängern. Yes!
So stand mir nichts im Weg, mit der siebten Klasse zu Weihnachten ein kleines Theaterstück vorzubereiten. Natürlich spielten wir die Weihnachtsgeschichte. Joseph wurde von einem bulligen Mädchen gespielt, der wir einen Bart anklebten. Die drei Weisen aus dem Morgenland waren die drei größten Frechdachse der Klasse. Und die Styropor-Flügel unserer Engel gingen andauernd kaputt. Der unprofessionelle Charme eines sonst tollen Theaterstücks kam gut an. Und wir durften auch bei der Weihnachtsfeier des Krankenhauses noch ein zweites Mal auftreten.
Über Weihnachten war ich im nicht weit entfernten Jeypore bei anderen deutschen Freiwilligen. An Heiligabend lief eine CD mit von indischen Künstlern interpretierten Weihnachtsliedern und ja, es klang komisch. Unser Weihnachtsbaum war nach „Petterson und Findus“-Manier aus Ästen und Panzertape selbstgebastelt. Und wir hatten ein schönes Fest mit vielen kleinen Geschenken.
Nachdem Silvester sehr ernüchternd und unspektakulär verlaufen war, standen dann Anfang Januar meine letzten Tage an der „Theodore Public School“ an und ich bereitete mich langsam auf den Abschied vor und suchte meine Sachen zusammen. Bevor ich gehen konnte, musste ich aber noch ein Versprechen einlösen. In der fünften Klasse waren wir nämlich beim Thema „Umweltschutz“ auf die Idee gekommen, einen Baum zu pflanzen. Und ich versprach, mich darum zu kümmern. Und an meinem letzten Tag in der Schule war es dann so weit. Ich hatte nach einigem Aufwand einen jungen Baum aufgetrieben und es konnte gepflanzt werden. Unter die Wurzeln unseres Baums haben wir dann noch eine kleine Dose mit einem Klassenfoto und unseren Namen vergraben.
Der Abschied verlief dann eher kurz und war ohnehin mehr ein „Auf Wiedersehen“, weil ich definitiv noch ein paar Male zu Besuch kommen werde. Und dann ging es für mich auch schon nach Doliambo an eine Schule, die noch einmal ganz anders war als die Schule in Nabarangpur. Und Nabarangpur war schon so anders als Deutschland.
Doliambo ist ein kleines 200 Seelen Dorf mit einer kleinen Schule, zu der auch die Kinder aus den vielen noch kleineren Nachbardörfern kommen. Und meine Schüler sind zum Großteil die erste Generation in der Familie, die zur Schule geht. Die Eltern können häufig nicht lesen und schreiben und wissen auch nicht immer um die Wichtigkeit von Bildung. Trotzdem schicken sie ihre Kinder zur Schule. Denn hier gibt es eine kostenlose Schuluniform, Bücher und täglich ein Mittagessen. Selten sitzen aber alle der bis zu 70 Schüler vor mir. Teilweise werden die Kinder nämlich nicht in den Unterricht, sondern zur Feldarbeit in die Reisfelder geschickt. Und es fällt auch auf, dass in jeder Klasse weniger Mädchen als Jungs sind. Der Grund dafür ist, dass immer noch nicht alle Familien finden, dass Mädchen zur Schule gehen sollten.
Die größte Herausforderung für mich und die Schüler ist aber die Sprache. Die offizielle Amtssprache hier und Unterrichtsprache ist Oriya. Die Kinder kommen aber zum Großteil aus Stammesdörfern, in denen die Stammessprache Khubi gesprochen wird. Wenn diese Kinder dann in die erste Klasse kommen, können sie häufig nur wenige Worte Oriya. Dem Unterricht auf Oriya zu folgen, ist da nicht ganz einfach. Wenn dann ab der ersten Klasse noch Hindi und Englisch unterrichtet werden, nimmt das „Sprach-Wirr-War“ seinen Lauf. Außerdem können viele Grundschullehrer auch kaum Englisch und kommen auch nicht immer in die kleinen Schulen auf die Dörfer.
Am Ende habe ich Achtklässler vor mir sitzen, die kaum oder gar kein Englisch können. Daneben sitzen Schüler, die ein bisschen Englisch sprechen und auch das Lesen und Schreiben beherrschen. Alle zusammen sollen nach Lehrplan englische Gedichte aus dem 19. Jahrhundert lesen. Es ist unmöglich, das alles unter einen Hut zu bekommen. Alle anderen Lehrer haben deshalb im Englischunterricht hauptsächlich bis ausschließlich Oriya geredet und sind dankbar, dass ich sie jetzt ein bisschen unterstützen kann.
Und da stehe ich jetzt vor Dritt- bis Neuntklässlern. Die Erwartungen sind so niedrig wie das Niveau, aber es macht Spaß. Natürlich habe ich nicht die Qualifikation, eine perfekte Lösung für die vielen Schwierigkeiten zu finden. Ich bin immer noch der 19 jährige Junge ohne Bartfuchs und Lehrerausbildung. Aber ich habe meinen Weg gefunden, wie alle Schüler mir zuhören und die meisten mich auch verstehen.
ICH REDE SEHR LANGSAM UND DEUTLICH, ich wiederhole viel, meine Hände und Arme sind pausenlos in Bewegung, ich wiederhole viel und ich male viele kleine Bilder an die Tafel. Und die Schüler machen mit. Sie sprechen mir nach, machen meine Bewegungen zu Wörtern mit und schreiben auch mal was an die Tafel. Die Übersetzungen der wichtigsten Wörter auf Oriya hole ich mir vorher von anderen Lehrern und gebe sie dann den Schülern.
Der ständige Wechsel zwischen Englisch und ein paar Fetzen Oriya ist aber auch sehr anstrengend. Beides ist ja nicht meine Muttersprache. Dazu kommt, dass ich täglich vier bis fünf Unterrichtsstunden habe und mein Pensum daher sehr hoch ist. Und niemand hat immer nur gute Tage. Aber im es läuft nicht schlecht, ich bekomme viel Zuspruch und fühle mich an der Schule wohl. Außerdem ist das Dorf einfach top.
Im Dorf wird alles geteilt. In einem Fall sogar der Ehemann. Und ich genieße das Dorfleben. Denn jeder kennt jeden, grüßt jeden und ist wahrscheinlich auch mit fast jedem irgendwie verwandt. Jeden Nachmittag spielen die Männer Cricket auf einem Feld vor dem Dorf. Und wenn sich ein Mittdreißiger mit Bauchansatz bei einer nicht spielentscheidenden Aktion in voller Länge auf den Boden schmeißt, um einen Ball zu bekommen, fühle ich mich fast wie zuhause. Denn das erinnert dann doch irgendwie stark an Kreisklassenfußball. Außerdem gibt es einen überragenden Tee-Laden im Dorf, wo zwei nette Frauen unter anderem Schmalzgebäck zubereiten und ich mit Kollegen und Freunden häufig zur Tee-Party hingehe.
Der absolute Wahnsinn im positivsten Sinne ist aber die Frauen Selbsthilfegruppe hier. Um halb fünf treffen sich ein paar Frauen aus dem Dorf. Einige lernen lesen und schreiben, andere lernen rechnen. Es gibt keinen Lehrer und sie helfen sich gegenseitig. Einige Frauen sind ein paar Jahre länger zur Schule gegangen, einige gar nicht oder nur zwei Jahre, sodass sie wieder alles vergessen haben. Die meisten wurden schon mit 15 oder 16 Jahren verheiratet. In der Gruppe kommen aber alle aus sich heraus. Dabei wird viel gelacht, gelästert und gelernt.
Die Frauen sind einfach toll und ich setze mich häufig dazu und lerne ein bisschen Oriya. Ich kann jetzt auch schon die ersten Sachen lesen und schreiben. Danach gibt es jeden Tag Tee und Kekse. Und als man den Frauen verboten hat, den Gasherd im Gästehaus zum Teekochen zu benutzen, wurde schnell improvisiert. Aus ein bisschen Sand von einem Termitenhügel, Steinen und Wasser wurde einfach ein eigener Herd unter einem großen Mangobaum gebaut. Jetzt sitzen sie jeden Tag unter dem Baum und kochen ihren Tee über einem kleinen Feuer aus Ästen und Blättern. Mit einem eigenem Herd schmeckt der Tee jetzt sogar noch besser. Häufig werde ich von den Frauen auch nach Hause zu einem Tee eingeladen.
Und so lerne ich nicht nur die Sprache relativ schnell, sondern auch unglaublich viel über die Menschen und ihre Geschichten. Die Möglichkeiten in einem kleinen Dorf wie Doliambo sind zwar ziemlich beschränkt. Wir haben nicht immer Strom und Wasser, es gibt kein Internet und zum Einkaufen muss man 6km in die nächste Stadt gehen oder fahren. Zudem gibt es im ganzen Dorf kein einziges Auto. Aber ich habe mir jetzt ein Fahrrad gekauft und kann durch die bergigen Straßen zum Einkaufen und für Internet mal in die Stadt fahren.
Doch eine Welt ohne YouTube und Facebook ist eigentlich auch mal ganz schön. Und sich nach der Schule mal für eine halbe Stunde mit einem guten Buch zwischen Reisfeldern an einem kleinen Bach zu setzen, ist eine gute Alternative zu Netflix. Man lebt hier halt relativ einfach. Und auch wenn viele Dinge für mich nicht immer einfach sind, ist es das alles hier wert.

Advertisements
Kategorien: Allgemein | Schlagwörter: | 2 Kommentare

Beitragsnavigation

2 Gedanken zu „Quartalsbericht Nr.2

  1. Silke Schlünzen

    Lieber Lukas,

    wir kommen gerade von einem Besuch in Nabarangpur zurück. Du hast dort viele Spuren hinterlassen und wir sind selten über den Platz vor TPS und New Church gekommen, ohne dass ein Junge nach Dir gefragt hat.
    Schade, dass wir uns nicht getroffen haben. Die Zeit war wie immer viel zu kurz und wir haben es nicht einmal geschafft, alle unsere früheren Patienten zu besuchen. Deine Berichte lesen wir immer gern und freuen uns besonders über Deinen pfiffigen Schreibstil, in dem Du mit dem notwendigen Humor über Dinge schreibst, die sicherlich auch manchmal ziemlich ärgerlich sind. Dass Du dabei immer liebevoll und mit Respekt über die Menschen schreibst, finden wir sehr schön.

    Dir noch eine schöne Zeit in Orissa und herzliche Grüße von Silke und Dietrich Schneider

    Gefällt 1 Person

    • Tatsächlich war ich jetzt Dienstag gerade einmal wieder zu Besuch in Nabarangpur. Natürlich hat man mich auch gleich nach Euch gefragt. Und nein liebe Inder, ich bin nicht der Sohn oder Enkel von Dr. Schneider. Wir Deutschen sind halt nicht alle verwandt…
      Aber schade, dass wir uns verpasst haben.
      Viele Grüße von hier und danke für den Kommentar!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: