Explosiv

  
„Wie lange bleibst du noch in Doliambo, Lukas?“ Diese Frage kenne ich mittlerweile schon, weil ich sie täglich ungefähr 57 mal höre. Ich bemühe mich aber immer, sie höflich und mit einem Lächeln zu beantworten. „Ich bleibe hier bis zum 8. April“. Die Lippen der Schulleiterin bewegen sich wieder. Ich höre aber nicht hin. Ich kenne die nächste Frage schon. Es ist immer die gleiche Frage. Und nein, ich gehe noch nicht zurück nach Deutschland! Ich gehe erst einmal nach Jeypore! Die nächste Fragen nehme ich meiner Gesprächspartnerin einfach schon mal vorweg. Ja, ich werde euch auch vermissen und nein, ich vergesse euch nicht, wenn ich in Deutschland bin. Es ist immer das gleiche.

Ich bin gerade nicht gut drauf und meine Antworten konnten unmöglich glaubwürdig geklungen haben. Aber ich schaue in ein breites Lächeln. Dazu tätschelt mich ihre fleischige Hand. Ich mag das nicht und ich würde am liebsten in das Lächeln laut rein schreien, dass sie mir diese Fragen schon mindestens zehn mal gestellt hat. Alter, versteht sie mich nicht oder schaffen es diese Informationen einfach nicht in ihr Langzeitgedächnis? Manchmal fühle ich mich wie bei „Täglich grüßt das Murmeltier“. Jeden Tag das Gleiche. Ich brülle sie aber nicht an, sondern zwinge mich zu einem Lächeln, das so unecht ist wie die „Beats by Dr. Dre“ Kopfhörer für 4€, die mir heute morgen kaputtgegangen sind.

Das ist aber nicht der Grund für meine schlechte Laune. In der Schule gab es heute zwar auch ein paar sehr ärgerliche Kleinigkeiten, aber das bringt mich nicht mehr aus der Ruhe. Der Grund liegt eher in meinen niedrigen Blutzucker. Ich habe seit 6:00Uhr nichts mehr gegessen. Jetzt ist es 14:30Uhr. Lukas hat Hunger! Das Essen war zwar für 12:00Uhr geplant, aber wir sind ja immerhin in Indien. Die leichte Verzögerung sollte mich nicht überraschen. An anderen Tagen würde ich es eher witzig finden. Und auch die immer gleichen Fragen nehme ich sonst immer mit Witz. Aber heute nicht!!!

Ich bin müde und hab Hunger. Außerdem redet hier niemand auf Englisch. Alle reden auf Oriya und schnell, viel zu schnell. Wenn ich mich ganz doll anstrenge, dann verstehe ich zwar ein bisschen. Aber dafür bin ich zu müde. Und ich hab Hunger. Und ich bin genervt.

Was ist nur los heute? Ich war eben noch in meinen Zimmer im Gästehaus. Alles roch nach Gas. Irgendein Witzbold hatte nämlich den Gasherd angelassen. Gut, dass ich heute nicht vor Funken der guten Laune sprühte. Sonst hätte es aber mal so richtig geknallt. Ich hab also schnell den Herd ausgestellt und die Fenster aufgerissen. Meine Laune war schon relativ schlecht, als ich mir die Küche nochmal genauer anguckte.

Im Gästehaus hat heute nämlich ein Meeting stattgefunden und in der Küche hatte man ein bisschen Tee gekocht. Die Leute waren zwar jetzt weg. Ihre dreckigen Tassen standen aber noch herum. Außerdem sah der Esstisch weniger nach einem Meeting aus, sondern mehr so, als hätte man hier „Two men one (tea-) cup“ gespielt. Ich wollte es aber auch gar nicht genauer wissen. Ich habe auch keine Plan, wie man beim Tee kochen drei Töpfe beschmutzen kann. Drei Töpfe!!! Ich durfte das ganze Schlamassel natürlich abwaschen. Toll! Abwaschen steht auf meiner Beliebtheitsskala ja schließlich direkt neben früh Aufstehen und Rückenschmerzen. Und auch über diese beiden Sachen hatte ich mich heute schon freuen dürfen.

Wie die Tassen beim abwaschen dann heil geblieben sind, kann ich unmöglich rekonstruieren. Der Schonwaschgang meinerseits war heute nämlich leider nicht möglich. Ich hatte jetzt zwar wieder alle Tassen sauber im Schrank, aber nach dem hinterhältigen Gasattentat und der Folter durch die dreckige Küche war meine Laune immer noch auf Grasnarbenhöhe.

Gut, jetzt sitze ich ja, abgesehen von der fleischigen Hand meiner Sitznachbarin, sicher und außer Lebensgefahr vor einem vollen Teller. Gegessen wird aber noch nicht. Warum auch immer? Ah, wir warten noch auf jemanden. Der ehemalige Schulleiter soll noch kommen. Gefühlte 2 Stunden und realistische 5 Minuten später ist er jetzt auch endlich da. Kurz vor dem Hungertod mach ich mich über den Teller her.

Der ehemalige Schulleiter ist übrigens schwerhörig. Die Schulleiterin redet also dem entsprechend laut mit ihm. Das Essen will sie dafür aber nicht unterbrechen. Und plötzlich schießen ein paar Speisereste wie in Zeitlupe aus ihrem Mund. Natürlich landet ein kleiner Speichel-Reis-Klumpen auf meinem Teller. Lecker!!! Plötzlich habe ich aber gar nicht mehr so viel Hunger. Ich esse trotzdem noch großräumig um den Fleck herum, wo die Speichelbombe gelandet ist, meinen Reis auf. Das kontaminierte Gebiet kann ich unmöglich essen.

Ich muss jetzt unbedingt in mein Zimmer, um Schlimmeres zu vermeiden. Denn heute war kein leichter Tag. Man kann aber auch nicht nur gute Tage haben…

Irgendwann bin ich endlich alleine und ich wickle mich selber in eine Decke aus ein bisschen Wut und schlechter Laune ein. Und irgendwie fühlt es sich auch gut an, sich mal ein bisschen selbst zu bemitleiden. Draußen singen Kinder und ich könnte jetzt noch kurz eine Runde Volleyball spielen. Aber ich habe für heute keine Lust mehr auf gute Laune.

Morgen vielleicht wieder.

 

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