Ententanz in der Kirche

Es ruckelt ein bisschen und schwups, schon ist man raus. Zurück in die Zukunft.

Wir sitzen auf dem Dach eines Commanders (britisches Armeefahrzeug). Neben, unter und vor uns 10 weitere Inder auf Dach und Motorhaube. Die Inder hier werden im Schnitt 60 Jahre alt, ich frag mich immer wieder woran das liegt. Wir sitzen hier jetzt seit gut 2 1/2 Stunden so. Meinen Beinen wird langsam aber sicher das letzte Blut entzogen, hab aber vergleichsweise einen guten Platz. Außerdem greift natürlich das Keil-Prinzip. Bei völliger Bewegungsunfähigkeit kann man aus offensichtlichen Gründen ja auch nicht mehr runter fallen. Wer sind die Inder um mich herum? Gute frage, hab hier meine Probleme mit dem Gesichter erinnern. Ich tippe jedoch, dass zwei Abisheks, drei Raj Kumars und ein Benji Benja darunter sind. Apropos darunter. Unter uns sind ca. 20 weitere Inder und Inder Kinder. 

Wir Bewegen uns langsam voran, durchschnittlich vielleicht 15 Km/h. Das ist auch garnicht so schlecht, denn die Straße – naja gut das Wort Straße ist eine kräftige Beschönigung – der Weg auf dem wir uns befinden wurde beim letzten Starkregen etwas ausgewaschen. Begleitet von einer Abfolge aus Schlaglöchern und Felsbrocken bewegen wir uns also durch die zwar zum Großteil von kommunistischen Terroristen besetzten aber dennoch malerisch schönen Berge. 

Wenn wir unseren Weg zurückverfolgen begegnen wir wohl einigen Hobbitsen, die ihr Auenland zurückfordern, immer wieder kleinen Dörfern die von Reisfeldern und Bananenpflanzen gesäumt sind und, naja, den Omnipräsenten Indern. Sie sind wirklich überall. Und so viele. Ich frag mich immer wieder, wie das eigentlich sein kann. 1.25 Milliarden Menschen müssen ja auch irgendwo sein, aber dass es immer so viele Menschen sind, ist für mich immer noch fast unglaublich. Auf dem Weg begegnet man auch sehr viele interessierten Blicken. Meine nächste Reise geht übrigens erstmal in eine Welt, in der man nicht der erste Weiße ist. Ok, verfolgen wir den Weg weiter zurück. 

Irgendwann kommen wir nach Bari, einem Dorf mit 600 Einwohnern. Vor 2-3 Generationen war hier noch dichter Jungel, die Menschen sind Jagen gegangen, es wurde ausschließlich Kubi gesprochen, Naturgeister wurden angebetet, das Dorf Bestand aus 6 Bambusverschlägen, es wurden zwei Reisfelder bestellt und eine Straße war noch lange nicht in Aussicht. Der Jungel wurde mittlerweile abgeholzt, Flächen der Landwirtschaft zugänglich gemacht, 120 Häuser aus Lehm und Wellblech gebaut, eine christliche Kirche errichtet, eine Schule gebaut und das Dorf dem Rest der Welt zugänglich gemacht. Elektrizität in Form von Stromkabeln ist noch nicht bis in die Tiefen des Hügellandes von Orissa vorgedrungen, dafür Solarzellen mit Akkumulatoren. Außerdem sind bis hier über die Jahre eine nicht zu unterschätzende Anzahl von christlichen Missionaren angelangt, wahrscheinlich zu Fuß. Toiletten haben es noch nicht geschafft, sind auch nicht in Ausblick. 

Was es auch noch gibt ist natürlich ein Cricketfeld. Das steht außer Frage. Auf die scherzhafte Frage, ob es denn einen Dance Club gebe haben wir erfahren, dass zwar keine permanente Diskothek bestehe aber dafür einmal im Jahr ein Boogie Woogie Programm stattfindet. Nach einer kurzen Einlage zu „Yes Sir, I can boogie“ haben wir noch mehr über die Geschichte des Dorfes erfahren.

Nach einer Zusammenfassung der letzten 3 Generationen oder an das woran sich Opa noch erinnern konnte, ging es in die Kirche.Nach 2 Gebeten und einem Oriya Song war das Spotlight auf uns gerichtet. Gut, Spotlight ist übertrieben. Da es kein Strom gibt, saßen wir mit einer aufladbaren Lampe in der Kirche, was dem ganzen aber eine gewisse Atmosphäre verliehen hat. Nun war das Spotlight aber schon auf uns, also der Pastor hat versucht uns die Lampe in die Nase zu stecken und der Gottesdienst war bereit von deutscher Expertise geführt zu werden. „Present a German Action Song“, war nun die Anweisung. Das deutsche Kirche und Actionsongs zwei nicht so recht kombinierbare Sachen sind konnten wir natürlich nicht so direkt sagen. Da mir eine Bergwanderung, eine Klettertour zum Wasserfall und zwei Stunden Cricket in den Knochen steckten war mir in dem Moment eine deutsche Kirche trotzdem lieber.

Wenn aber 120 hoffnungsvolle Augenpaare auf einen gerichtet sind, kann man nicht kneifen. Actionsong? Kein Problem. Makkharena musste als erstes hinhalten. Nach einer eigenwilligen Interpretation im Bezug auf den Text (nananananananananana Makkharena, nanananananananana Makkharena, nanananananananana Makkharena, ehhhhhhh Makkharena, eyyyyy), lief der Tanz Reibungslos. Wenn erstmal 140 Hüften ins Kreisen gekommen sind (es hatte sich eine kleine Traube von Zuschauern auch außerhalb der Kirche angesammelt) kommt natürlich auch ordentlich Spaß auf. 

Weiterer Actionsong. Diesmal einer, den Lukas und Ich auch erst hier in Indien gelernt haben. Hat auch wunderbar geklappt. Vor unseren vor Euphorie strahlenden Augen lief plötzlich folgender Film ab. 200 Inder, die in einer überfüllten Kirche den Ententanz abliefern, wie man es noch nie gesehen hat. Schnell als deutsches Kirchenlied ausgegeben – hoffentlich erzählt ihnen nie jemand die Wahrheit – und da lief das ganze auch schon. Dann haben die mittlerweile knapp 300 Inder in einer kleinen Kirche also den Ententanz gemacht. Das Tempo hat sich bis hin zur Extase gesteigert. 

Kurz vor dem beinahe unvermeidlichen Stagedive der beiden deutsche Laienpastoren sind vier kreischende Teenager Mädchen in Ohnmacht gefallen. Da es mit der ärztlichen Notversorgung nicht schnell genug ging, mussten wir die erschreckte Menge jedoch vom erträumten Ententeich zurück auf den Boden der Tatsachen holen und die Kirche vorerst räumen lassen. Autogramme gab es später.

Was sonst nur den Jungs von TokioHotel passiert, ist uns tatsächlich natürlich nicht passiert. Die Performance musste trotzdem auf Grund akuter Heiserkeit und sporadisch auftretenden Muskelkrämpfen von Lukas und mir ihr zeitliches Limit finden. Nach dieser Show durften wir uns erstmal setzen. Nach einer Stunde Danksagungen, Kreuzverhör und Gebeten war dann auch das ganze Festival zu Ende. Es war aber wirklich schön.

Da meine Euphorie noch nicht ganz abgeebbt war, habe ich über Chai Tee und Banane dann noch versucht, ein deutsches Kirchenlied beizubringen. Hab mich allerdings mit dem Schwierigkeitsgrad etwas verzettelt. Kann ja nicht alles klappen.

Dann ging es in das Zuhause, das uns über die 3 Tage unseres Aufenthaltes in dem abgelegenen Dorf Bari beherbergt hatte. Es gab Country Chicken Curry. Natürlich zusammen mit Reis und Dhali. Das Haus wurde grade frisch ausgeräuchert, das Wasser schmeckt leider genau so rauchig wie alles Andere gerochen hat. Das liegt daran, dass nicht wie sonst Seife zum Auswaschen der Töpfe genommen wurde, sondern Asche. Als ich tagsüber gesehen hab, dass die Frauen die Töpfe an der Stelle waschen, die Abends als Pissoir dient, hat mich die Asche im Wasser doch irgendwie beruhigt . 

Der Abend ging zu Ende, wir schlüpften unter unsere Moskitonetze und sind irgendwann bei einer Runde Teekässelchen eingeschlafen. Am nächsten morgen ging es um 5:45 ans Aufstehen, also nicht besonders früh für indische Verhältnisse. Es gab ein Becher Raggi Water (der Farmer Energydrink, ein graues säuerliches Gebräu was verdammt gesund schmeckt), 3 kleine Bananen und einen Ingewerschwarztee, glücklicherweise mit deutschen Zuckermengen. Dann hieß es auf den Commander steigen. Was anfing wie der Ritt auf dem Elefanten in Kerala, wurde durch die 10 anderen Indern dann schnell zum Gruppenkuscheln mit durch Straßenverhältnisse verursachter Dynamik. 

Nach 2 1/2 Stunden unruhigem Ritt und 12 Pausen sind wir wieder an der Stelle, an der unsere kleine Reise angefangen hat. Jetzt fahren wir weiter in die nächste Stadt, die noch in etwa eine halbe Stunde entfernt liegt, um von Dort wieder weiter zu fahren. Viele unserer Begleiter gehen auf eine Hochzeit, die jedoch im Kern des von Maoisten in Anspruch genommenen Gebiet liegt, Lukas und ich als Weiße also lieber nicht mit gehen. Wir kaufen jetzt ein und fahren nach Doliambo, einer kleinen 200 Seelen Gemeinschaft. Dort verbringen wir einige ruhige Tage, voraussichtlich vor allem mit Mango essen und Cricket spielen. Dann geht es für uns sehr bald weiter in den Urlaub. Ich freu mich.

Dieser wundervolle Text ist übrigens aus der Feder meines Mitfreiwilligen Lennard. Und auch wenn er uns mit seinen bildlichen Schilderungen ein Kopfkino gezaubert hat, habe ich rechts noch ein paar Bilder von Bari reingestellt.

Viele Grüße!


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