Verrückte Welt

Der Taxifahrer sagt plötzlich „Allahu Akbar“. Wir hatten nämlich gerade mit ihm über Religion geredet. Der Taxifahrer ist Moslem und hat uns erklärt, wann welches Fleisch „halal“ ist. Im Grunde ging es also nur darum, was er essen darf und was nicht. Aber trotzdem bin ich bei den Worten „Allahu Akbar“ kurz zusammengeschreckt. Rufen das nicht auch immer Selbstmordattentäter kurz vor dem Knall? Eigentlich sind die Worte ja harmlos: „Gott ist groß“. Aber wieso klingt das für mich zu dieser Zeit an diesen Ort so seltsam? Ich weiß es nicht. Aber es klingt ja auch seltsam, wenn ein Haufen Deutsche die Nationalhymne gröhlt… Verrückte Welt!
Aber wo sind wir gerade? In Kolkatta. Wir machen hier Urlaub. In Orissa sind nämlich gerade Sommerferien und deshalb haben wir uns für zwei Wochen frei genommen, um Indien zu sehen.  

Kolkatta hatte aber leider weniger Lust auf uns als wir auf die Stadt. Oder der Wetterverantwortliche für die Stadt – ich tippe da stark auf irgendeinen Hindugott mit vielen Händen oder einen Rüssel oder so – hat mal eben gegoogelt, wie man zwei Norddeutsche Jungs richtig begrüßt. Im Endeffekt hat uns Kolkatta dann halt mit viel Regen empfangen. Aus dem Bahnhof mussten wir dann tatsächlich durch eine 20cm tiefe Pfütze heraus warten. Derweil kam von oben immer mehr feuchtes Nass und wir suchten in einem kleinen „Teeladen“ Unterschlupf. Über ein Holzkonstrukt war eine Plane gezogen. Vorne kochte ein Junge Tee, hinten standen zwei Bänke und ein Tisch. Es war eng und es hockten noch zwei weitere Kinder in diesem „Teezelt“, keine Erwachsenen. Bei unserer ersten Tasse Tee sprach uns einer der Jungs plötzlich auf Englisch an. Wir reden kurz über das Wetter, dann über Kricket. Und sein Englisch war besser als das der meisten Altersgenossen aus Deutschland. Woher kann er so gut Englisch? Aus der Schule. Was macht er denn dann in diesem „Laden“? Tee kochen. Und Nachts schlafen. Hier? Ja, hier. Der Junge war offensichtlich clever und arbeitete und wohnte in den Schulferien in diesem Zelt, in dem ein deutscher Jugendlicher bei „Die strengsten Eltern der Welt“ und dann auch nur mit ganz viel Sagrotan eine Nacht verbringen würde… Verrückte Welt!

Am nächsten Tag war es dann aber trocken und Zeit, die Stadt zu erkundigen. Und als wir gerade in eine alte Kirche gehen wollten, sprachen uns drei junge Leute an: Können wir ein Bild mit euch machen? Das kommt hier häufiger vor, weil wir weiß sind. Also okay. Eben schnell fürs Foto lächeln. Aber dieses Mal kommen wir ins Gespräch. Unsere neue Freunde kommen aus Bangladesch. Sie sind uns sympathisch und kommen aus der Kirche, in die wir gerade wollen. Danach wollen sie ins indische Museum. Da wollen wir auch hin. Also warten sie kurz, während wir die Kirche erkunden. Das geht schnell. So toll ist die Kirche nämlich auch nicht.

Auf dem Weg zum Museum kommen wir ins Gespräch. Rumi ist Ingenieur in Bangladesch und verdient nicht einmal schlecht. Sein Bruder sagt nicht viel. Dafür ist seine Frau gesprächiger. Sie hat gerade ihr Masterstudium in Sozialwissenschaften beendet und hat ein nettes Lächeln. Alle drei sind in guten Verhältnissen geboren und aufgewachsen. Sie lieben ihr Land. Trotzdem wollen sie es verlassen. Die Politik ist schlecht. Das Land versinkt in Armut, Müll und Kriminalität.

Trotzdem geht es ihnen gut und sie geben uns alle zwanzig Meter irgendwelche Snacks aus, die man hier alle drei Meter an kleinen Straßenläden kaufen kann. Wir beiden Jungs aus den „reichen“ Deutschland, werden also von drei Leuten aus dem „armen“ Bangladesch eingeladen. Irgendwie komisch. Aber auch irgendwie lecker.
Im indischen Museum müssen Ausländer dann aber fünfzig Mal so viel bezahlen wie die Landsleute. Ausländer sind nicht nur wir Deutschen, sondern seit 1947 auch unsere Freunde aus Bangladesch. Der Preis ist uns zu hoch und deshalb schlendern wir gemeinsam durch die Straßen Kolkattas. Am Ende werden zwei Deutsche und drei Leute aus Bangladesch in einer indischen Stadt einen tollen Nachmittag zusammen in englischer Sprache gehabt haben… Verrückt! Wir tauschen noch schnell Kontaktdaten aus und verabschieden uns herzlich. Auf Wiedersehen!

In der Folge lassen wir uns ein bisschen durch die Straßen treiben. Mann könnte aber auch sagen, dass wir uns verirren. Und so stoßen wir in irgendeiner halbdunklen Seitenstraße auf eine Gruppe junger Leute, die unter einer schwachen Lampe ein indisches Brettspiel spielt. Wollt ihr mitspielen? Ja klar! Also versuchen wir uns irgendwo in Kolkatta in einem indischen Brettspiel. Wir befinden uns in einer Art Unterschlag und irgendwer hat Lionel Messi auf einem Wandposter Poster einen Hitlerbart gemalt. Und natürlich verlieren wir. Der eine Gegner scheint in seinem Leben nichts anderes zu machen, als dieses Spiel zu spielen. Jedes Mal, wenn er einen guten Zug macht, lacht er etwas verrückt. Er lacht also die ganze Zeit mit diesem verrückten Lachen. Ich habe kurz Bedenken, dass wir nicht nur das Spiel, sondern auch unser Portemonnaie oder unsere Niere verlieren. Aber kein Grund zur Sorge. Wir verlieren auch das letzte Spiel und verabschieden uns. Als wir aus der dunklen Gasse auf die Straße treten, hören wir hinter uns kurz nochmal das verrückte Lachen.

Vor uns zieht ein kleiner Mann eine Frau durch die Straße. Sie sitzt auf einer ausgepolsterten Bank wie bei einer Fahrradrikscha. Unter ihr sind zwei Räder befestigt. Vorne ist aber kein Fahrrad, sondern da sind nur zwei lange Stangen. Der kleine Mann zieht also beherzt und kraftvoll an den Stangen. Er ist sogar schnell. Schneller als Schritttempo. Und wir sehen ihn bald nicht mehr. Es hat aber irgendwie ein bisschen was von Sklaverei. Denn oben thront die Frau fast königlich, während unten der magere Mann hart arbeitet. Was sagt das denn über die indische Bevölkerung aus?

Ich habe heute seit Langem wieder Mal ein Bier getrunken. Vielleicht werde ich deshalb ein bisschen philosophisch. Aber langsam geht dieser interessante Tag zu Ende. Und ich kann gar nicht von allen Leuten erzählen, die wir hier getroffen habe. Da war dieser beleibte Inder, der in Stanford studiert hat und behauptete, dass die Deutsche und Japaner zwei überlegende Rassen sein. Hui!

Da war der kleine Inder, der auf kleine Zettel handschriftlich einen kleinen Reiseführer für Kolkatta gekritzelt hatte. Er hatte aber auch Zettel für andere Orte in Indien dabei. Und so haben wir jetzt auch schon die ersten Infos über unseren nächsten Stopp Darjeeling. Als Dankeschön sollten wir ihn auf eine kaltes Getränk einladen. Gerne!

Und da war auch noch der Australier mit seiner Freundin. Er hat ein Jahr in Deutschland als Künstler gearbeitet und könnte ein bisschen Deutsch. Derweil hat Sie während unseres Gesprächs einem bettelndem Kind einen Luftballon für 20 Rupien abgekauft. Über die umgerechnet weniger als dreißig Cent hat sich das Bettelmädchen sehr gefreut. Genug für ein Abendessen…

Verrückte Welt!

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