Kindergeburtstag


Ich hab Kuchen im Gesicht, mehrere kleine Inder Kinder klettern auf mir herum und irgendwo knallt eine Konfettibombe. Ja, es ist Kindergeburtstag in Indien.

Seit Wochen liegt uns Choto schon in den Ohren. Wir sollen unbedingt zu seinem Geburtstag kommen. Klar kommen wir! Und heute war das große Wiegenfest des kleinen Mannes gekommen. Choto hatte heute seinen zwölften Geburtstag. Und wir waren hautnah bei dem Wahnsinn dabei.

Mit der Rasselbande rund um Choto spielen wir hier in Jeypore regelmäßig Frisbee im Modder des Monsuns. Außerdem ist Choto einer der wenigen Jungs, der ein Fahrrad hat. Er hat sogar irgendwie zwei Fahrräder. Warum auch immer… Seine Familie hat also ein paar Rupien mehr auf der hohen Kannte. Deswegen wurde auch ein großer Geburtstag gefeiert. Und Geburtstag heißt Kuchen. Und bei Kuchen sind wir doch dabei.

Der Kuchen bestand zur Hälfte aus einem sehr süßen Kuchenteig, zur anderen Hälfte aus Zuckerguss. Bei dem Anblick habe ich schon einmal spontan Diabetes bekommen.

Ein kleiner Funfakt am Rande: Indien ist das Land mit den meisten Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze Leben. Aber auch das Land mit den meisten Diabetikern. Das wundert mich bei Anblick des Kuchens kein bisschen.

Aber zurück zum Kuchen, der übrigens die Form einer großen Gitarre hatte. Auf dem Kuchen war ein Kerzenblumenfeuerwerk befestigt. Ich versuche einfach erst gar nicht, dieses wundervolle Geburtstagsfeuerwerk zu erklären. Aber während sich die Plastikblume nach einer Stichflamme öffnete, sich im Kreis drehte und ein Blütenblatt Feuer fing, ertönte eine elektrische Version von „Happy Birthday“. Wir stimmten in die gewagte Interpretation des Geburtstagsklassikers der acht bis zwölf Jährigen mit ein. Ja, mittlerweile kann ich „Happy Birthday“ auch mit indischem Akzent singen. Nachdem nicht nur die Kerzen auf dem Kerzenblumenfeuerwerk sondern auch das halbe Kerzenblumenfeuerwerk selbst unter kindlichem Gejohle meinerseits halb abgebrannt war, machten wir uns über den Kuchen her. Das metallische „Happy Birthday“ aus dem Kerzenblumenfeuerwerk verstimmte leider nicht. Und nach fast einstündiger unterschwelliger Beschallung dieses Foltergerätes unter den Geburtstagsgeschenken habe ich jetzt einen Tinitus in der Melodie von „Happy Birthday“. Denn auch nach mehreren Versuchen, das Eventfuntoy zum Verstummen zu bringen, ging es immer wieder weiter mit der mittlerweile ungefähr 154sten Strophe des Geburtstagshits. Irgendwann landete das Kerzenblumenfeuerwerk dann aber zum Glück auf dem Müllhaufen neben der Straße. Dort wird der „wohlklingende“ Spaß wahrscheinlich von einer Kuh gegessen. Ich würde mich auf jeden Fall nicht wundern, wenn morgen eine Kuh an mir vorbeiläuft, aus deren Bauch mich die elektrische Version von „Happy Birthday“ begrüßt.

Aber erst einmal zurück zum Kindergeburtstag. Während ich den Werdegang des Kerzenblumenfeuerwerks beschrieben habe, hatte sich schon längst eine Menge Kuchen in meinem Gesucht und Bauch angesammelt. Ein kollektiver Zuckerschock ausgelöst natürlich vom Kuchen heizte die Stimmung noch weiter an und überall war Konfetti, Luftballons platzten und irgendjemand besprühte mich mit Kunstschnee. Nach dem Kuchen gab es noch Snacks und nach den Snacks gab es ein unglaublich leckeres und umfangreiches Abendessen. Zwischen den Snacks und dem Abendessen dürften wir noch in die grünen LED-Augen einer nackten Plastikpuppe gucken, die nach Manier eines Papageis alles nachplapperte, was man ihr sagte. Dieses Spielzeug kann eigentlich nur Erfolg in Indien haben. Mittlerweile war auch eine umgestimmte Kindergitarre im Raum und ein kleines Keyboard das einen mit einem schnellen Grundbeat gegen das Kerzenblumenfeuerwerk ankämpfte, das zu diesem Zeitpunkt ja noch im Raum und noch nicht im Magen einer Kuh war. Ein kleines dickes Inder Kind interessierte sich derweil schon wieder für den Kuchen, während der Rest der Feiergemeinde versuchte die LED-äugige Plastikpuppe mit vermeintlich witzigen Sätzen anzuschreien.

Nach dem Abendessen hat uns dann die ganze Meute auch noch bis nach Hause gebracht. Wahrscheinlich trauten sie mir nicht zu, dass ich nach den Unmengen an Essen, die ich hatte essen müssen, noch bewegungsfähig war, geschweige denn, dass ich es noch die 300m nach Hause schaffen würde. Aber ich schaffte es!

Fazit: Nach dem ganzen Essen, werde ich morgen mein Frühstück, Mittag und Abendessen wohl ausfallen lassen müssen. Der Hunger ist bis auf weiteres gestillt. Außerdem bin ich wahrscheinlich zuckerkrank und ich habe einen Tinitus der „Happy Birthday“ singt… Geiler Tag!

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