Irgendwo über Afghanistan 

Nach 360 Tagen habe ich Indien hinter mir gelassen. Wir fliegen gerade über Afghanistan und unter uns erstreckt sich eine steinige Wüste. Ein tolles Bild und eine unglaubliche Leere.

Ja, das Jahr ist vorbei! Ein Jahr, für das ich gerade nicht die richtigen Worte finden kann. Aber es war gut! Ich bin nicht mehr in Orissa, wo ich ein Jahr gelebt habe und seit einigen Monaten auch Zuhause war. Ich bin jetzt irgendwo über Afghanistan…

Aber ich bin auch nicht in Deutschland. Ich bin noch nicht wieder Zuhause. Aber es geht jetzt langsam aber sicher zurück! Es geht für mich zurück in ein Deutschland, das sich verändert hat. Neue Menschen aus anderen Kulturen sind gekommen. Die ersten Freunde studieren schon längst, andere sind gerade irgendwo auf ihrem Weg durch die Welt. Deutschland ist in diesem Jahr nicht stehen geblieben. Ganz im Gegenteil! Im letzten Jahr ist viel passiert. Und ich bin mir sicher, dass es einige Zeit braucht, um anzukommen. Aber es geht auch gleich wieder weiter. Ich werde auch studieren und von Zuhause wegziehen…

Doch bevor das alles losgehen wird, bin ich noch hier irgendwo über Afghanistan. Und hier habe ich auch Zeit, mich langsam von Indien zu verabschieden und mich genauso langsam wieder an den Westen, an Europa und an Deutschland zu gewöhnen. Beim Hinflug hatte ich mir noch gewünscht, dass es schneller gegangen wäre. Jetzt aber bin ich froh, dass meine Reise einen ganzen Tag dauert…

Die letzten Tage in Indien waren nämlich sehr stressig und ruhelos und ohnehin ist es ja in einem Land mit 1.250.000.000 Menschen ja nicht einfach, mal ein bisschen Ruhe zu haben. Wir wollten viele Leute noch ein letztes Mal sehen und noch mehr Leute wollten uns noch einmal sehen. Wir hatten trotzdem viele schöne Momente. Aber es war einfach zu viel. Etwas Anderes kann man ja auch von dem Land, in dem es immer laut ist, in dem zu viele Chilis und Gewürze im Essen sind und in dem zu viele Menschen leben, nicht erwarten.  


Und gerade weil alles in den letzten Tagen mehr als viel war und es kaum einen ruhigen Moment gab, ging alles so schnell. Und jetzt ist auch noch Independence Day in Indien. Überall gibt es Paraden, der Premierminister hält eine Rede und es wird gefeiert. Aber das alles ohne mich. Indien wird gleichzeitig unabhängig von mir und ich von Indien. Während man in Indien noch feiert, bin ich bald wieder in Deutschland. Doch jetzt bin ich gerade noch einfach nur irgendwo über Afghanistan und habe meine Ruhe.

Bis bald!

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Abschiedstournee, Familiendrama und 50 Shades of Green 

Ich befinde mich gerade auf meiner Abschiedstournee durch Orissa.Und ich humple hier so schwerfällig von Event zu Event wie die Scorpions, die wahrscheinlich immer noch auf einer endlosen Abschiedstournee ihren Fans in Osteuropa hinterher reisen. Für mich gibt es aber einen konkreten Stichtag, an dem alles zu Ende ist. Denn am 15.08. geht es wieder zurück nach Deutschland. Dann ist dieses unvergessliche Jahr endlich, schon und leider vorbei.
Und während irgendwo in Novosibirsk der „Wind of Change“ durch Land zieht, zieht hier gerade der Monsun über Indien hinweg und es regnet und regnet. Ich humple aber nicht aufgrund des schlechten Wetters, sondern wegen einer wirklich fiesen Entzündung an meinem Knie. Irgendein komplett humorloses Bakterium hat sich hier eingenistet und hatte in meinem Oberschenkel kurzzeitig sogar für eine Blutvergiftung gesorgt. Mit der Annexion meines Knies durch einen Einzeller war ich aber nicht ganz einverstanden und reagierte mit fünf verschiedenen Medikamenten. Mittlerweile habe ich die Kontrolle über alle Geschehnisse in meinem Knie wieder gewonnen. Ich kann also Entwarnung geben. Trotzdem ist jetzt der Ausnahmezustand ausgerufen und ich kann über meinen Körper jetzt per Dekret regieren und einmal ordentlich aufräumen. Eine Diktatur ist das aber nicht… 

Aber zurück nach Indien. Der Monsun sorgt hier währenddessen für ein feucht, warmes Klima, das ein bisschen angenehmer ist als der heiße Sommer. Und aus der trockenen Natur ist schon nach kürzester Zeit eine wunderschöne Kulisse geworden. Es sprießt, wächst und grünt überall. Die Wiesen und Felder glänzen in „50 Shades of Green“ und es ist ein Traum mit dem Bus durch diese Landschaft zu fahren. Dafür schimmelt hier aber plötzlich auch alles. Das Essen schimmeln kann, gut, das wusste ich. Oder nasse Kleidung. Klar. Aber mein Portemonnaie, ein Tisch oder mein Reisepass? Alles, was mal eine längere Zeit irgendwo herumliegt oder steht, setzt unglaublich schnell Schimmel an. Gestern habe ich auch noch einen Gürtel Funghi in meinen Sachen entdeckt. Deswegen bin ich sehr darauf bedacht immer in Bewegung zu bleiben und nicht zu lange irgendwo herumzusitzen. Denn „herum gammeln“ bekommt hier gerade eine sehr wortwörtliche Bedeutung. Aber zum Glück habe ich ja genug zu tun. Ich will mich nämlich noch einmal von allen Menschen verabschieden, die mich hier durch das Jahr begleitet haben. Und das sind viele! 

In der letzten Woche habe ich mich erst einmal zurück in meine erste Einsatzstelle nach Nabarangpur begeben. Ich war noch einmal in der Schule, habe die Schüler und Lehrer noch ein vorerst letztes Mal gesehen und durfte viele Autogramme geben. Ja, ich habe mich tatsächlich ein bisschen wie ein Star auf einer Abschiedstournee gefühlt. Denn unglaublich viele Schüler standen (warum auch immer) in den Pausen um mich herum und wollten, dass ich ihre Schulhefte signiere. Und ich schreibe natürlich gerne neben ein paar Matheaufgaben und Oriya-Hausaufgaben meinen Namen.

Nach den Autogrammstunden wurde gegessen. Denn in Indien definiert sich ein gelungener Abschied anscheinend über Essen. In den letzten zwei Wochen sind wir beinahe täglich irgendwo zum Essen eingeladen. Jetzt gerade sogar häufig zweimal am Tag und in Nabarangpur das eine Mal sogar zweimal an einem Abend. Auf dem Tisch steht dann auch immer ein besonderes Essen. Und kein Gastgeber gibt sich damit zufrieden, wenn ich nur einen Teller esse. Mit penetranter Beharrlichkeit wird so lange mit den Worten „Tike Kau!“ auf einen eingeredet, bis der Junge dann doch noch „ein bisschen isst“, obwohl das gegen jede Vernunft und ärztlichen Rat ist. Ich befinde mich jetzt also gezwungener Maßen in dem Trainingsabschnitt, denn die Fitnessfreaks die Massephase nennen.

Über das Wochenende war ich dann noch auf Abschiedstournee in Doliambo, wo ich es schaffte einen neuen persönlichen Rekord aufzustellen. Ich war nämlich am Samstag an sieben, ja genau an sieben (!!!) verschiedenen Orten zu Tee und Keksen eingeladen. Das erfordert nicht nur eine gute Planung, sondern auch eine starke Blase.

Ich werde hier gerade also zu beeindruckenden Mengen von Tee und Essen gezwungen und auch wenn es manchmal zu viel ist, sind es trotzdem immer noch Kekse, leckeres Essen und Tee, die zu viel da sind. Es ist also alles auszuhalten. Und so hatte ich auch in Doliambo einen schönen Abschied von allen meinen Schülern, Kollegen und Freunden. Ich werde diesen Ort und Indien wirklich vermissen.

Zudem lief während meines Aufenthalts in Doliambo ein skurriles Familiendrama ab, das ich hier jetzt einmal zum Abschluss schildern möchte. Denn diese Geschichte ist ein gutes Beispiel für die indische Kultur und diesen „Wahnsinn“ hier, den ich aber irgendwie lieb gewonnen habe.

Also: In dem zweiten Haus vorne rechts war vor einem Jahr die Mutter gestorben. Der Vater hatte sich nach einiger Zeit der Trauer in den Kopf gesetzt, noch einmal zu heiraten, weil er dann wieder eine höhere Pension bekommen würde. Dabei hatte er anscheinend nicht mit eingerechnet, dass eine Frau dann ja auch wieder Geld kosten würde. Außerdem waren die Töchter des Hauses von den Plänen auch nicht ganz so überzeugt. Der Vater darf also vorerst nicht wieder heiraten… Und das ist erst die Vorgeschichte. Denn jetzt hat sich die jüngste und auch schönste Tochter (27) in einen Mann aus dem Dorf verliebt und möchte ihn ehelichen. Die Familie des Mannes war auch nach einiger Zeit überzeugt. Doch die Familie der jüngsten Tochter ist aus Prinzip gegen die Hochzeit. Außerdem möchten sie die Tochter lieber woanders gewinnbringender verheiraten. Es kam zum Streit zwischen der Tochter und dem Rest der Familie. Daraufhin flüchtete die Tochter aus dem Haus und schaffte es gerade einmal 100m weiter aus der Dorfmitte an den Dorf Rand, wo sie sich jetzt schon seit einem Monat bei einer dritten Familie versteckt und das Haus nicht verlässt. Alle wissen aber natürlich, wo sie ist. Sie ist ja nur 100m weit gekommen. Ihre Familie versucht sie jetzt irgendwie wiederzubekommen, ist aber weiterhin gegen die Heirat. Um die Tochter aus dem fremden Haus zu bekommen, werden verschiedene Pläne geschmiedet und sogar Verwandte aus Jeypore nach Doliambo geschickt, die die Tochter irgendwie aus dem Haus locken sollen. Währenddessen werden in Haus schon die ersten Pläne gefasst, die Hochzeit doch noch zu verwirklichen. Dafür müsste die Tochter mit ihrem Zukünftigen zusammen abhauen und dann heimlich irgendwo anders heiraten. Da kann man nur hoffen, dass sie dieses Mal weiter als 100m kommen. Das Problem ist aber, dass die Tochter nicht aus ihrem derzeitigen „Versteck“ direkt abhauen kann, sondern erst einmal nach Hause müsste, um von dort zur heimlichen Hochzeit zu verschwinden. Ansonsten würde sie die Familie, die sie jetzt so großzügig beherbergt, zu Mittätern in einem schweren Sittenbruch machen. Dann wäre der Ruf dieser Familie im Dorf ruiniert. Einfach so abzuhauen, ist also keine Option. Die Lösung stelle ich mir jetzt also so vor, dass die Tochter aus ihrem „Versteck“ die 100m zu ihrem Haus läuft und sich dann dort eine hinreichend lange Zeit aufhält, um dann schnell wieder abzuhauen und irgendwo heimlich zu heiraten. Auf der anderen Seite könnte ihre Familie es ja noch irgendwie schaffen, sie aus ihrem „Versteck“ zu holen. Dann müsste sie ihre Tochter aber wahrscheinlich zu Hause einsperren, weil eine erneute Flucht ja jederzeit möglich ist. Es ist und bleibt auf jeden Fall spannend in Doliambo.

Und ich werde dieses kleine Dorf und dieses verrückte Indien wirklich vermissen, gerade weil hier so absurde und dramatische Dinge passieren. Ich hatte eine aufregende Zeit hier und auch nach einem Jahr überrascht mich dieses Land immer wieder mit seinen Geschichten. Aber bald schon geht es ja wieder zurück.

Nachdem ich in der letzten Woche in Nabarangpur und Doliambo gewesen bin, verbringe ich die letzten sechs Tage jetzt in Jeypore. Und in einer Woche bin ich dann wieder in Deutschland. Das kann ich mir ehrlich gesagt noch gar nicht vorstellen, aber das verändert ja nichts an dem Fakt, dass ich in einer Woche wieder in Deutschland bin. Ich muss mir das wirklich immer wieder bewusst machen: Ich bin bald wieder in Deutschland. Verrückt! In einer Woche kann ich mich wieder ohne andauernde Nahtoderfahrungen in den Straßenverkehr wagen, ich kann mir beim Händewaschen sicher sein, dass meine Hände danach sauberer sind als vorher, meine ganzen Sachen werden nicht mehr einfach so anfangen zu schimmeln und die Kühe werden auf den Wiesen und nicht die ganze Zeit im Weg stehen. Bis dahin bin ich aber noch hier und arbeite mich von Chicken Curry zu Chicken Curry. Und es gibt tatsächlich Schlimmeres!

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