Weltwärts

Ein Blogeintrag vom 20. Juli 2016, der mir sehr am Herzen liegt:

12 Millionen gefälschte Fußballtrikots oder „weltwärts“?

Da muss doch der Wutbürger mal zornig mit der Faust auf den Tisch hauen: „Da gehen junge Deutsche (na immerhin deutsch!) ohne richtige Ausbildung in Entwicklungsländer und maßen sich dort an, einheimische Kinder zu unterrichten. Und wer bezahlt das Ganze? Der deutsche Steuerzahler. Ein Unding!“

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Tatsächlich wird ein Freiwilligendienst im Ausland nämlich nicht nur positiv bewertet. Und das vollkommen zu Recht. Man stelle sich einmal vor, dass ein junger Inder ohne Berufsausbildung nach Deutschland kommt und dort als Lehrer an öffentlichen Schulen unterrichtet. Der Aufschrei wäre groß!

Und wie dieser ganze Freiwilligendienst überhaupt genannt wird: Entwicklungspolitischer Freiwilligendienst? Mache ich hier etwa gerade Entwicklungshilfe? Ich meine, ich bin 19 und nur mit meinem Abi bewaffnet leider völlig unqualifiziert für Entwicklungshilfe. Ich kann den Menschen hier leider nicht das Feuer bringen. Das hat seinen Weg nach Indien auch schon irgendwie ohne mich gefunden. Was soll ich also hier?

Viele Freiwillige haben auch gar nichts zu tun. Sie sind in einem fremden Land, sitzen herum, langweilen sich, werden immer unmotivierter. Oder sie reisen herum, machen Urlaub und genießen ihre Zeit in einem warmen Land mit niedrigen Preisen.

Und dieser ganze Spaß Namens „weltwärts“ wurde vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) 2008 ins Leben gerufen. Jedes Jahr werden mehrere tausend Jugendliche in Entwicklungsländer geschickt. Dafür steht dem BMZ ein jährlicher Etat von 29 Millionen Euro zur Verfügung.

Was könnte man mit 29 Millionen Euro alles so Tolles anstellen? Selbst wenn man bei  Entwicklungshilfe bleibt… Von dem Geld könnte man fast 20.000 Lehrer an indischen Privatschulen zum doppelten Gehalt ein Jahr lang bezahlen. Oder man könnte mehr als 100.000 Kinder hier in Orissa ein Jahr lang mit diesem Geld ernähren. Oder man könnte mit diesen 29 Millionen Euro 12 Millionen in Indien gefälschte Fußballtrikots von europäischen Topklubs kaufen und damit jedes Jahr eine Millionen Jugendfußballmannschaften glücklich machen. Aber nein! Man gönnt es ein paar Deutschen, ein aufregendes Jahr in einem spannenden Land zu verbringen, in dem die blassen Abiturienten aufgrund ihrer geringen Qualifikation ohnehin nicht viel bewirken können. Also warum der Spaß?

Gehen wir mal logisch vor! Dass die blassen Abiturienten keine richtige Entwicklungshilfe leisten können, weiß der deutsche Staat auch. Denn auch wenn der derzeitige Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung von der CSU kommt und tatsächlich Gerd Müller heißt, bedeutet das nicht, dass der Namensvetter unseres Bombers der Nation keine Ahnung hat. Ich will aber auch nicht das Gegenteil behaupten.

Wenn wir aber so ganz offensichtlich keine Entwicklungshilfe leisten können, dann liegt das mit ziemlicher Sicherheit daran, dass wir es auch nicht sollen. Bei dem „weltwärts“-Programm geht es nämlich um etwas ganz anderes.

Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst ist nämlich viel mehr ein Lerndienst. Und dieses Jahr hier in Indien hat mich wirklich unglaublich geprägt. Und ich könnte jetzt versuchen, detailliert zu beschreiben, wie mich dieses Jahr bereichert hat. Aber um ehrlich zu sein, sind die meisten Erfahrungen hier Dinge, die man nicht mit Worten fassen und bestimmen kann. Und dieses neue Wissen geht über das hinaus, was man aus der Schule oder aus Büchern je bekommen könnte. Denn schon Goethe hat gesagt: Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen. Und auch wenn Goethe schon lange tot ist und am Ende verrückt wurde, hat dieser Mann einfach recht.

Natürlich profitieren die Einsatzstellen vor Ort auch von diesem Kulturkontakt und zu einem  gewissen Teil helfen die Freiwilligen ja auch. Aber würde es wirklich in erster Linie darum gehen, den Ländern und Einsatzstellen zu helfen, würde man ja keine ungelernten Jungs und Mädchen losschicken. Aber warum dieses ganze Programm dann über das BMZ läuft und häufig mit Entwicklungshilfe verwechselt wird, hat noch einen anderen Grund. Deutschland hat es sich nämlich schon lange zum Ziel gemacht 0,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts in Entwicklungshilfe zu investieren. Leider ist Deutschland aber noch nie wirklich dicht an dieses Ziel herangekommen. Die Ausgaben für „weltwärts“ gelten nun aber als Aufwendung für Entwicklungshilfe. Auch Aufwendungen für Flüchtlinge im Inland wie Verpflegung, Unterkunft und Grundbildung in den ersten 12 Monaten und Stipendien ausländischer Studenten in Deutschland können zu den Entwicklungsausgaben gezählt werden. Damit mogelt sich Deutschland ein bisschen von unten an die Entwicklungshilfequote ran, auch wenn das meiste im Grunde keine Entwicklungshilfe ist. Dass das zu Verwirrungen führen kann, ist nur verständlich. Aber jetzt haben wir das ja einmal klargestellt.

Der Deutsche Staat gibt also große Summen Geld aus, um einzelne junge Deutsche ganz nach Goethe durch Reisen zu bilden. Ich kann nicht sagen, ob das angemessen ist. Und wenn man Geld in Bildung in Deutschland investieren will, kann man bestimmt auf andere Wege mehr Kinder und Jugendliche erreichen.

Aber werfen wir mal einen Blick auf die, die es am Ende überhaupt trifft. Das „weltwärts“ Programm ist zwar für alle jungen Deutschen mit Abitur oder abgeschlossener Berufsausbildung zugänglich. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Freiwilligen bei „weltwärts“ häufig nicht nur irgendwelche Jugendlichen sind, sondern zum Großteil sozial engagierte Abiturienten mit überdurchschnittlich vielen „Einsen“ auf dem Abschlusszeugnis. Es sind also die Ärzte, Unternehmer und Politiker der Zukunft. Und wenn die Führungskräfte der Zukunft zum Teil das erlebt haben werden, was ich hier erlebt habe – die Kultur, das Leben, die Armut – dann finde ich das großartig. Das geht auf jeden Fall in die richtige Richtung und kann so wahnsinnig wertvoll für Deutschland sein. Man stelle sich mal vor, die Politiker von heute hätte alle mal ein Jahr in einem Entwicklungsland verbracht. Wie geil wäre das denn?

Ich für meinen Teil bin auf jeden Fall unglaublich dankbar dafür, dass ich diese Chance hier erhalten habe. Vielen Dank an alle, die mich unterstützen. Vielen Dank an die Nordkirche. Vielen Dank besonders an meinen Förderkreis. Und natürlich: Danke Deutschland!

 

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